Montag, 5. Dezember 2016

Von den toxischen Verbindungen

Da ging ihm plötzlich auf: Im Grunde war sie wesentlich glücklicher mit dieser Affäre als er. Schließlich hatte sie, wenn auch nur gelegentlich und vermutlich zu selten, Sex mit dem Mann, den sie liebte. Noch dazu konnte sie sich dabei der Illusion hingeben, selbst geliebt zu werden, wenn auch nur für den Moment. Er hingegen hatte gelegentlich Sex mit einer Frau, die er nicht liebte, was ihn meist nur halb befriedigt zurückließ. Dass er Sex mit einer Frau hatte, die ihn liebte, konnte ihn nur geringfügig über die Schmach und Blamage hinwegtrösten, von den Frauen, die er liebte, geliebt hatte oder vielleicht liebte, nicht geliebt zu werden, nicht einmal körperlich. Er kam, so gesehen, mit einem Bedürfnis aus Mangel und ging mit einer verdoppelten Leere. Dass er dazu moralisch auf der schlechten Seite gestanden zu haben schien, erschien ihm endlich wie ein Hohn. Es ist schwierig, ganz schwierig mit dem Glück.

Krankenhausluft, aufgeschüttelte Kissen.
Eine Bananenschale lag da wie eine Ehefrau.

Was die einen Psychotherapie nennen, nennen die anderen Coaching.
Ich mache in Romanen, ich bekomme unleidige Post von Ämtern.

Lidzucken. Ich arbeite mich in den Abend vor.
Ich erobere den Abend. Ich erobere den Abend wie ein älter werdendes Kind.
Wie ein Kind am Vorabend der Jugend. Wie ein junger Jugendlicher.

Ich möchte zurück.
Ich möchte zurück in den Autoscooter. In den Autoscooter mit F. neben mir.
Die mir auf Italienisch sagt.
Dass sie glücklich ist.

SONO FELICE.

Es wird in ä-Lauten kommuniziert.
Das sind Väter, Väter berühren nicht.


Ich war noch nicht müde, also beschloss ich, in der Nähe des Hafens noch irgendwo etwas zu essen. Ich spürte, dass sich eine unbestimmte Bedrohung näherte. Dass die Evakuierung der Insel nur eine Frage von Stunden sein dürfte. Gut, rechnete man die Unfähigkeit der Behörden dazu, eine von Tagen. Auf der Straße sah ich keinen Menschen. Die Luft war weich und anschmiegsam. Am einzig geöffneten Imbiss kaufte ich mir eine Dönertasche. Ich setzte mich auf einen Mauervorsprung, schaute nach dem Mond, der sich hinter einer Wolkendecke versteckt hielt, kaute und dachte an Alea. An ihre Zärtlichkeit, die sie mir heute, nach der ersten berauschten Nacht, vorenthalten hatte, an ihren Geruch, an ihre Haut, an ihre leicht nach außen weisenden Brüste.

Woran entzündet sich eine Leidenschaft? Ich sah auf die sich im stärker werdenden Abendwind schaukelnden Palmen und dachte an die Ausläufer des Feuers, die verkohlten Felder in den Bergen, an die ausgebrannten Autowracks, die ich vor etwa einem halben Jahr in der Nähe der Redaktion gesehen hatte. Die Autokennzeichen waren noch lesbar gewesen, die Marken auch, es waren Mittelklassewagen, die völlig ausgebrannt, zerfleddert, zerstört waren. Ein überaus hässlicher Anblick.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen