Donnerstag, 29. Dezember 2016

Fernfahrer & Sohn

Folgen des Widerrufs
Überzogene Tabletten, Pornutopia
Offener Cardigan, offene Ladenzeilen

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"Man ahnt oft die schlimmsten Dinge oder besitzt eine Art innerer Gewissheit, dass sie zutreffen. Trotzdem kommt die Bestätigung dieser bösen Ahnung oder dieser inneren Gewissheit durch die Wirklichkeit jedesmal überraschend, und man empfindet sie genauso schmerzlich, als hätte man nie etwas dergleichen vermutet. So hatte ich im Grunde immer gewusst, dass Emilia mich nicht mehr liebte. Aber als sie mir dies jetzt sagte, fühlte ich mich zu Eis erstarren. Sie liebte mich nicht mehr: Ich hatte diese Worte oft gedacht, aber nun, da sie aus ihrem Munde kamen, gewannen sie eine ganz neue Bedeutung."
Alberto Moravia, Die Verachtung




Er strich über ihre Wade, sanft und schnell.

Es war Übertragungskummer, was er empfand, so konnte man das nennen. Das Verschwinden alter Bezüge, die fortschreitende Einsamkeit, die verlorenen Träume. Er hatte Freunde, die vor ihm das Schreiben aufgegeben hatten, aus Gründen. Erfolglosigkeit, Flucht vor der Einsamkeit, Flucht vor dem Anpassungsdruck, Flucht vor der fortwährenden Schreibtischarbeit. Und ihm war es nicht vergönnt gewesen, einen frühen Erfolg zu erzielen, dabei verliefen die meisten Karrieren so: Es gab einen frühen Erfolg, gefolgt von einer Konsolidierung, und danach ein steter Abfall, ein kontinuierlicher Abstieg. Neue, große Erfolge, etwaige Comebacks stellen sich in der Regel nicht ein, erklärte der Freund. Und er, er hatte nicht einmal den frühen Erfolg erreichen können. Er war immer noch hinterher. Jetzt, da er für den Erfolg bereit war, qualitativ und menschlich, kam er nicht.

Mit der Liebe war es ähnlich. Immer wieder unterschätzte er auch die Bewegungsarmut der anderen. Das Konservative der Libido. Die Trennungsängste. Er träumte von vergangenen Liebschaften, von der verlassenden Frau, mal in jener Vergangenheit, mal in dieser. Er achtete auf die Augenfarben, auf den Gesichtsausdruck, auf den Moment des Eindringens. Tagsüber in der Realität wunderte er sich, wie durchsichtig er geworden war, oder schon immer gewesen, wie uninteressant als Ansprech- oder Geschlechtspartner, die Verrückten einmal ausgenommen, die er als persönliche Beleidigung, als zusätzliche Demütigung empfand. Er dachte, die entscheidenden Dinge verpasst zu haben.





"Das war meine Frau. Meine Frau interessiert sich nicht für mich."
Brutalste Akzeptanz. Medizinische Gutachten.

"Ziehen Sie mir die Grundtraurigkeit raus", das hätte ich zu ihr sagen sollen. "Ziehen Sie sie wie einen Zahn."

Ich sitze im Warteraum der Neurochirurgie und lese ein Buch, das "Sterben" heißt. Mit mir sitzen fünf Menschen im Raum, zwei Paare, ein zumindest hier alleinstehender Mann. Alle vermutlich älter als ich. Das Paar links: Sie Patientin, er Support. Sie hat dunkelrot gefärbte Haare, das Rot ist dunkler als das ihrer schwarzrot-großkarierten Ska-Punk-Hose. Ihre schwarze Plastikbrille hat sie auf den Kopf geschoben, in ihrem Ausschnitt prangt ein großes, modisch passendes, also vermutlich säkulares Kreuzzeichen. Vor ihr steht ein Rollator, der auch als Wagen für Handtasche und Orangensaft dient.

Das andere Paar ist nicht so eindeutig. Eine Frau Ende 40, ein bulliger, kompakter Mann im selben Alter, vielleicht Fernfahrer. Bluejeans, ein petrolblaues Hemd mit Markenapplikation, die an eine Tankstellenkette, eine Motorölfirma o.ä. erinnert. Er ist blond, nur leicht zurückweichender Haaransatz, Pferdeschwanz, Ohrring, Armbanduhr. Backenbart, Cowboystiefel: ein Cowboy der Großstadt, vielleicht der Autobahn. Seine Freundin ist hingegen völlig unauffällig, unscheinbar.


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