Dienstag, 22. November 2016

Verlandung

Die ausgestreckte Hand, die dir einen Joint reichen will.
Decken. Deckenleuchten. Chloraugen, Mitnahmesuizid.
Frauen, die mit Brille schwimmen (nicht gemeint: Schwimmbrille. Sondern normale Brille).
Eine Frau, die mit einem Hund verheiratet ist.

Hoher Leistungsdruck, soziales Umfeld.
"Ich kann dir nicht empfehlen, das zu veröffentlichen. Ich konnte mich leider nicht für eine Veröffentlichung entscheiden."




Gerade hat der Informatiker seine erste Liebessimulation geschrieben. The sorrows of the day. Die gegenwärtigen Proteste unterscheiden sich in ihrem Inhalt nicht von der kapitalistischen Geschichte der Klassenkämpfe – es geht um den über den Arbeitsmarkt vermittelten Zugang zu den Lebensmitteln, und sollte man das Glück haben, den Warenhandel auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich abgeschlossen zu haben, geht es auch darum, sich selbst als Individuum zu erhalten. 

Ich bin zum Tode verurteilt. Tod durch Strang. Ich solle schon mal die Schlinge anlegen, das sei ja nur pro forma, sagt Frau H., die ich als Autorin aus der Zeitung kenne. Ein Ritual, nach dem ich von allem befreit wäre. Ich stehe auf einem Stuhl mit der Schlinge in der Hand, Frau H. guckt nicht, ich beschließe, zu fliehen. Hüpfe davon, springe in einen Zug - einen Nahverkehrszug, der in die Niederlande fährt. Frau H. ist enttäuscht, meine Flucht war doch unnötig, ich schreibe ihr, dass ich einerseits aus Angst, andererseits aber eben auch aus Trotz geflohen sei. Ich weiß nicht, warum ich so ein Ritual über mich ergehen lassen muss. Im Zug gehe ich hin und her, denn ich habe keine Fahrkarte. Dass ich nach Holland fliehe, freut mich, ich male mir aber auch die Fortsetzung der Flucht aus: Ich werde der Redaktion eine Postkarte aus Kalifornien schicken.

Vorher nahm ich an einem Schreibseminar teil. Ich lese eine Geschichte vor, die besonders von zwei Jungen, die irgendwie als wild gelten, niedergemacht wird. Ich denke: Sie sehen nicht, dass es da noch eine zweite Ebene gibt. Sie verstehen die Ironie nicht. Bevor ich zu Ende gelesen habe, wird die Diskussion bereits abgebrochen; die Geschichte ist durchgefallen. Bei den beiden Jungs handelt es sich um J. und W. Sie verlassen das Seminar voreilig und sind verschwunden, mit ihnen meine Jacke, darin mein Portemonnaie. Ich bin wütend. Ich beklage mich, finde aber bei niemandem Gehör. Dann finde ich die Jacke von J., die ich als Ersatzjacke anziehe. Eine grüne Lederjacke. Später finde ich W., dem ich Gewalt antue, mit den Worten: Du hast doch wohl nicht gedacht, dass Du ungeschoren davon kommst.



In der Bar 3 erzählte ich dann von der Panikattacke, die ich hier einmal hatte. Inzwischen lässt sich sagen, es war nicht meine letzte. Ich hatte eine Blinddarmreizung als Kind, die sich nach drei Tagen wieder beruhigte, und die Freundin von B. erzählte an jenem Abend im 3 von ihrer Blinddarmentzündung, die sie am französischen Mittelmeer, genau am Strand ereilte, und wie sie vom Strand abtransportiert worden sei, im Hochsommer, und ins nächstliegende Krankenhaus eingeliefert, und alles auf französisch, und dann die Komplikationen während der ersten Notoperation, die eine zweite nötig machte, und ihr Leben stand auf dem Spiel, und das alles erzählte sie so, als sei es um einen Galeriebesuch gegangen, während ich -






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