Mittwoch, 16. November 2016

Sie müssen verzeihen

Aus doofen Gründen mitten in der Nacht aufgewacht. Nach zwei Stunden noch einmal. Keine Ahnung, was der Traum vorher war, aber ich begann über die große Kölner Zeit nachzudenken, vielleicht die schönste Zeit meines Lebens. Natürlich wurden auch damals viele Fehler gemacht. Aber es wurde auch der Versuch gestartet, das mit der Kunst auf mehreren Gleisen zu wagen (Musik und Literatur); es wurde der Versuch gestartet, die Familie weitgehend durch eine künstliche Familie zu ersetzen*. Leider war nicht alles sanft und freundlich, einfach und passend; im Gegenteil. Wo Fehler gemacht werden konnten, wurden sie gemacht. Am Ende

Ich dachte darüber nach, was ich vom Leben will, was ich machen will, und was damals so schön war an dieser Zeit. Ich wollte und konnte Spätfilme** sehen, also weitgehend ausschlafen, Zigaretten rauchen, Musik machen, Lesen und Schreiben, Freunde treffen; es gab auch Sport, ohne dass dieser als Zwangsausgleichsprogramm für irgendetwas da sein musste, man musste sich nicht einmal dazu überwinden. Das soziale System funktionierte weitgehend. In den sehr schönen Zeiten wachte ich neben einer jungen Frau auf, die ich liebte und verehrte. Am Ende

Es hätte von mir aus für immer so weiter gehen können. Aber die Bedrohungen waren auch da, der Druck, von etwas leben zu müssen, also fremdbestimmt zu arbeiten; das Wissen, dass das Studium nicht ewig gehen würde (worauf ich es mehr oder weniger gleich ganz abbrach); die kleinen Geldströme, die schließlich versiegten; und dann die offenen und verdeckten Konflikte: mit den Ansprüchen, der Vergangenheit, mit den Wünschen und Stellungen der Anderen. Die Konkurrenten, die eigenen Defizite. Am Ende


- brach alles fürchterlich zusammen, und ich flüchtete, um einen Neuanfang in einer anderen Stadt zu versuchen. Das aber war hart, härter als ich dachte. Nach einiger Zeit gab ich auch die Musik mehr oder weniger auf. Ich versuchte, mich aufs Schreiben zu konzentrieren und baute Plan B aus, das journalistische Schreiben. Plan B wurde immer mächtiger, weil mit Plan A weniger Geld zu verdienen war - umkämpfte kleine Felder, viel Konkurrenz. Plan B aber leider auch: umkämpfte kleine Felder, viel Konkurrenz. Dazu die mitgeschleppten Klassenunterschiede - von links in die Mitte, von der Armut in die Normalexistenz, das ist kein einfacher Weg, wenn man nicht von jeher der Mitte entsprungen ist (aber das führt jetzt fast zu weit). (Da bin ich vielleicht noch immer nicht: in einer Normalexistenz. Prekariat, wenn auch inzwischen höheres.)

Etwas biografistisch hier? Aber vielleicht müssen diese Revisionen noch einmal sein; auf der Suche nach dem Urschlamm, dem Grund für die Krise. Vielleicht liegt der Grund auch darin, dass ich alles alleine bewältigen musste - oder besser: weitgehend allein, was vor allem bedeutet: ohne Analytikerin, die mich sanft mit nach oben zieht; die Drift nach unten ist stärker geworden, weil die Baustellen und Konfliktpunkte nicht alle geklärt sind. Widerhakende Widerstände, die ich eben nicht alle gleich sehe und verstehe -




* Lustigerweise bietet die amerikanische Unterhaltungsindustrie diese Konzepte (auch) an - zumindest bis zu einem bestimmten Punkt. Man schaue Sitcoms wie Friends oder The Big Bang Theory: Freundeskreise, Cliquen, Familienersatz. Im ersten Fall mit (einem!) Kind, im zweiten sogar (noch) gänzlich ohne. In Berlin habe ich mir einen Freundeskreis gesucht, vielleicht sogar zwei oder mehrere, aber bewusst keine Clique - aus Angst vor den Brüchen, Abstürzen, enttäuschten Hoffnungen (und überkreuzten Liebesbeziehungen). Aber die Kreise haben, auch altersbedingt, immer eine Eigendrift - viele zieht es eben doch dahin, die eigene Familie aufzuziehen. Und nicht alle wollen was mit Kunst machen.

** Schöner Gedichttitel, by the way: "Spätfilme"


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