Montag, 28. November 2016

Oura

Mir wachsen die Ohren zu, macht nichts.

Die Kurse laufen robust.

Ich sorge für Musik. Niemand außer mir scheint Musik zu mögen. Ich teste verschiedene Musiken aus: Beethoven, auf den lediglich das Gespenst und eine der Hauskatzen anspringen; Blasmusik, Indierock, Trap, alte Beat-Klassiker, etwas Free Jazz, Schlager, BeBop: nichts. Eine der Töchter Edgar Allen Poes staunt mich mit aufgerissenen Augen an, dreht sich um und verschwindet in den Garten. Die anderen lassen kaum ihre Bücher sinken - einer liest Foucault, Die Sorge um sich, seine Freundin liest irgendetwas von Simon Beckett, warum auch immer. Ich singe in der Badewanne und lasse ganz schön Dampf ab. Die Fenster beschlagen. Ich brauche zwei Liter Wasser, um die anschließenden Kopfschmerzen zu vertreiben.

Hotelkomplexe, die wie gestrandete Kreuzfahrtschiffe aussehen. Es ist mehr als Klimatransfer. Portugiesische Models, die sich für die Williams-Schwestern halten und sich auf Handtücher platzieren, die als portugiesische Nationalflagge daher kommen.


Obwohl es fast schlagartig dunkel wurde, war es immer noch sehr warm. Ich betrachtete meinen rechten Unterarm und das gefleckte Hemd des Wirts, das ihm am Rücken klebte, und dachte über Schweiß nach. Schweiß war hier etwas Selbstverständliches. Das war es in der Heimat nicht. Ich dachte über die Engländerin nach, die vorhin an uns vorbeigegangen war. Für sie muss es besonders beschwerlich sein, eine Bleichsüchtige in der tropischen Zone. Sie muss sich ständig in Acht nehmen. Sie muss einen hohen Lichtschutzfaktor wählen. Sie muss Sonnenbrillen tragen, Strohhüte, weite Kleider. Als ich mit Rotwein nach spülte, blickte mich die Spanierin ernst an. Ich wich ihrem Blick aus, weil ich mich aus einem mir nicht sofort verständlichen Grund zuerst ertappt, und dann beschämt fühlte. Sie räusperte sich.

»Alea«, sagte sie.
»Was meinst Du?«
»Alea, so heiße ich.«

Ich schaute sie lange an. Sie machte einen ernsthaften Gesichtsausdruck.

»Hast du schon einmal aufgehört, jemanden zu lieben? Ich meine, schleichend, während der andere noch da ist?«
»Ja«, sagte ich, »das ist mir schon einmal passiert, ja. Es war irgendwie gleichzeitig enttäuschend und vollkommen erleichternd.« Das Gespräch nahm eine seltsame Wendung. Vielleicht lag das am Alkohol. An der Leichtigkeit des Sommers.

»Wir sind nicht frei. Du bist nicht frei, ich bin nicht frei.«
»Ja«, sagte ich.



Seenebel. Die unsterblichen Zitherklänge.

Meine Zukünftige sagte mir, sie wäre jetzt mit T. zusammen. Das war am ersten Abend. In meinem Rücken Geflüster auf Polnisch. Vor mir erkenne ich, hinter der Lastwagenreihe, einen Flachbau. Schales Licht aus alten Neonröhren. Brummende Stille. Hier wird es wohl irgendwo eine Toilette geben, dachte ich.

Das kannte kaum jemand. Drei Frauen, die synchron von demselben Mann, der großen Liebe sangen, das war unvorstellbar.

Natürlich hätte sie gleich 500 Euro in dem Kulturkaufhaus lassen können.

+ Urversion "Ich glaube nicht an Abschiede"


Es fehlt: glaube


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