Montag, 14. November 2016

Leg Day

Der nächste Morgen. In der Forsthausküche hängt ein Geruch nach Milch. Das Frühstück ist erledigt, die Bilderbuchfamilien bereiten bereits das Essen vor, irgendetwas mit Bohnen und eingelegtem Fleisch. Die Bohnen werden geschnitten, das Fleisch zubereitet, Sud gekocht. Große Kochtöpfe kommen zum Einsatz, während die Reste des gebrauchten Geschirrs gespült wurden. Ich mache mir einen Kaffee und einen Tee für M. und schaue den Köchen zu. Eine endlose Abfolge von Haushaltsarbeiten, von keiner technischen Errungenschaft wie einem Mixer oder einer Spülmaschine erleichtert. Eine Atmosphäre wie am Anfang des letzten Jahrhunderts, eine Imitation von Großfamilie. Und eine Atmosphäre der Wortlosigkeit, der Trostlosigkeit, wie man sie aus alten Filmen kennt. Alles Arbeit, und kein Spiel. Ich bin mit anderen Worten in einer finsteren Zwischenwelt gelandet. In einem Hexenhaus am Rande des Urwalds irgendwo in Brandenburg, in dem fleißig die Naturkarte gespielt wird. Ein darkes Häuschen am Ende eines Kopfsteinpflasterwegs, ein ehemaliges Forsthaus, das sie sich zu acht gekauft haben, Marie Kundera und ihr Mann, der kleine Rechtsanwalt, und der General und seine Frau, und noch ein paar Leute.



Die nächste Stadt liegt etwa zwanzig Kilometer entfernt. Marie kommt in die Küche und steht auf ihren O-Beinen lässig an die Anrichte gelehnt und trinkt ihren Tee. Ich mustere sie und überlege, was dieser Eindruck mit mir macht. Ob ich mich noch genügend angezogen fühle. Ob es das wert war. Was hat mich hierher gebracht? Ich fühlte mich vom ersten Moment an unwohl, in dieser Einöde, in der ich mich in meine Kindheit versetzt fühle, Kindheit auf dem Land, abgeschnitten, fremden Mächten ausgesetzt, ohne jeden zivilisatorischen Ausgleich. Das Forsthaus riecht nach Staub, nach Holz, nach Tod, nach Spinnweben und Langeweile. Zwar wird es nach und nach renoviert, umgebaut, erweitert, aufgemöbelt und durchgeputzt; mittlerweile hat es vielleicht den Stand von 1955 erreicht. Doch niemand wohnt hier, jedenfalls nicht auf Dauer. Immerhin gibt es immer wieder neue Gäste. Junge Frauen zwischen Studienabschluss und Arbeitslosigkeit, aus der sie sich bevorzugt mittels Schwangerschaft retten, reisen in Fahrgemeinschaften in grauen oder militärgrünen Kastenwagen (Renault Twingo) an. Die zugehörigen Männer sitzen am Steuer und tragen modische Bärte oder kauern bartlos auf den hinteren Plätzen und lesen altmodische Bücher. Und alle frönen sie einem selbst ausgedachten Wochenendkommunismus, einem Hang zum DIY, zum Selbermachen. Man bringt sich das Handwerk bei – indem man bei den Anderen zuschaut oder etwas nachschlägt oder auf Youtube nachsieht, wie man das macht: eine Wand verputzen, einen Kessel flicken, einen Fußboden fliesen.

Leg day, rest day
Das Handy hat die Wasserrutsche genommen

WART UND GEGENWART. Gedichte. Parasitenpresse Köln. Dezember 2016. WATCH OUT.

Auserzählte Trauer. Das kaputte Gesundheitssystem. Die zerknautschten Fußsohlen.
Die einen, die anderen. Wir hätten auch in Paris sein können.
Die Krise dauert ganz schon lange.
Kein Wort vom Spion im Haus der Liebe.




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