Freitag, 18. November 2016

Halbräume

Die Verwandlung der Kuh in ein Mädchen.

Ich schreibe verworren, sagte man mir in den Redaktionsräumen, von den ersten Leserinnen, die ich so habe, manchmal denke ich, es sind die einzigen.
Ein großes Chaos, und immer bleibt das Kind an mir hängen.
Truman Capote und die Ächtung.

Die Firma, die mein Smartphone hergestellt hat, stellt auch Rolltreppen her.
Am Sonntag ist mir das Ding ins Badewasser gerutscht.
Die Macht der Statistik: Immer bin ich einer von ihnen. Jetzt zum Beispiel bin ich einer von den 20 Prozent aller Handybenutzer, denen das Gerät schon mal ins Wasser gefallen ist.

Gestern war ich schwimmen, seitdem habe ich Wasser im Ohr (links). Vielleicht sollte ich auch mein Ohr in Reis einlegen.


Was mit Melanie Kundera ist, was hinter ihrer Fassade aus Fleiß und Kontrollwut steckt, weiß ich nicht. Was mit ihrem Ehemann ist, was sie mit ihm verbindet, außer der Tatsache, dass er ihr grundlegendes Sicherheitsbedürfnis abdeckt, auf dessen Basis sie sich die Freiräume nimmt, die sie braucht, weiß ich auch nicht. Wie viel er ahnt, was er weiß. Nicht viel, vermute ich. Dass ausgerechnet er dieses Sicherheitsbedürfnis abdecken kann, ist angesichts des Doppellebens, das er als Rechtsanwalt in der Stadt führt, ohnehin ein Witz. Aber vielleicht einer, der funktioniert. Sogar beidseitig. Ein Paar, geschmiedet in der Hölle. Auch Melanie Kundera hat Erfahrungen in der Halbwelt. Und sie sieht aus wie ein Dämon, so im Halbschatten. Über sie sind Beschreibungen im Umlauf, die sie nicht im besten Licht zeigen. Sie gilt als schwierig. Ich finde sie im unteren Badezimmer, sie macht sich vor einem Hängespiegel zurecht. Eine verstörende Hochstreckfrisur entsteht.

»Ich habe eine böse Seite«, gibt sie zu. »Aber ich lese diesen Müll nicht!« Ich lache.
»Ist es dein Onkel, der dich berühmt macht?«
»Haha, bestimmt nicht.«

Irgendwo geht ihr Klingelton, aber es ist für jemand anders. Sie setzt sich auf einen Hocker, um sich besser kämmen zu können. Ich sehe auf ihre Beine. Ich würde ihr gern über das Nylon streichen, nur für einen Moment, nur ganz kurz.


Gedanken im 3/4-Takt. Der ehemalige Berufsmusiker, der nach seinem neunzehnten Nervenzusammenbruch keine Musik mehr hören kann. Er sei es müde, Musik analytisch zu hören, sagt er. Immer muss er das Arrangement dazu denken. Immer denkt er in Noten, in Sätzen, in Einteilungen. Erst Jahre später kann er wieder Musik hören, weil er sie jetzt anders hört, weil er die Musik genießen kann. Weil es auch andere Musik ist.

Ich vermisse die Falschen. Spaziergang durch einen nächtlichen Badeort, ein paar englische Pärchen, ein Taxi. Hellgraue Stille.

Als ich am Pool liege, bemerke ich, dass die weißen Schlieren im Sichtfeld nicht von meiner Brille herrühren und auch nicht von der Natur, oder hat jemand die Landschaft mit Milchpulver eingesprüht? Schwindel, Kreislauf, Ohrpfropf, es kommt alles zusammen, der linke Arm kribbelt auch, die Online-Foren empfehlen den Weg zum Psychiater, und meine Reisebegleitung empfiehlt sich als Antianimateur, also als Entspannungs- und Beruhigungsmotor.

Die psychoanalytische Maschine stockt, und draußen liegt Sonnenstaub.

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