Donnerstag, 10. November 2016

Hafenlichter

Auf einem Konzert stellte sie mir ihre Freundinnen vor. Sie waren alle so entmutigend jung. Sie hießen wie Halluzinationen oder Hochglanzmagazine. Galatea und Wilma. Sie sahen klein aus und fesch und pausbackig und wie frisch im Seifenblasenladen gekauft, und sie staunten mich unverwandt an und fragten sich – natürlich zu Recht – was in aller Welt sie mit mir altem Sack wollte. Ich konnte es ihnen auch nicht sagen. Bzw. doch: nichts. Sie fühlte sich geschmeichelt, sie fühlte in eine obere Generation hinein, ohne dass es etwas Familiäres sein musste. Mehr war es nicht. Schon die Unterhaltung zwischen uns verlief stockend. (Man kann immer nur 15 Jahre nach unten oder nach oben reden, alles andere ist hoffnungslos, schrieb Wolfgang Herrndorf einmal irgendwo.)

Nervös war ich bei all der Distanz, der altersgemäßen, der vielleicht kulturellen, trotzdem. In ihrer Anwesenheit war ich der Jüngere; ich war nervös wie ein 15-jähriger Backfisch. Gleichzeitig genoss ich es. Ich genoss diese Nervosität, weil ich sie nur von früher kannte, weil ich sie für etwas Nostalgisches hielt, weil ich sie bei den kalten, abgeklärten, aufgeklärten, mit allen Wassern gewaschenen Frauen meiner Generation nicht mehr spürte. Weil ich sonst selbst zu abgeklärt war. Und hier war ich genau das: hilflos. Aber am Ende waren diese Erklärungen hilflos, und abgeschmackt, der Topos ist ja nicht gerade neu. Der Ältere und die Junge. Ein Mann knapp vor der Midlife Crisis, der eine eine junge, hellblonde Kindfrau kennen lernte, bei der er etwas Trost suchte, während wir scheinbar aufmerksam ein Konzert verfolgten, aber sie war zu jung und außerdem war da noch diese Katze, mit der ich es eigentlich treiben sollte. Das Schlimmste an der Konstellation aber war, dass sie nicht weiter interessiert war. Einen offensichtlichen Vaterkomplex hatte sie nämlich nicht.

Lahmes, verloschenes Italien. Das Land ist schal geworden, abgeschmackt, aber vielleicht war es das auch schon immer. Ich weiß es nicht.

Bester Moment der Reise, als ich ihr den alten Schlager vorgesungen habe: All day, all day, watch them all fall down, all day, all day - ? Und sie sang: Domino Dancing.

Nur männliche Stimmen auf ihrer Mailbox. Stimmt etwas mit ihr nicht? Und was machte ich eigentlich? Einen Traum verfolgen.

Penelope, die Parallelkusine
Kurz vor meiner Reise ins europäische Ausland

Geräte und Körper. Eine große Spiegelwand, durch die ich nicht gehen konnte, ich fühlte mich groß, tapsig, dick.

Die Physiotherapeutin meint, dass es reichlich freie Stellen gebe, aber, wie alle medizinisch begleitenden Berufe, sei auch die Physiotherapie äußerst unterbezahlt. Ein vollgestopfter Tag, ein Reinraus in der Praxis, ein Patient nach dem anderen, sonst lohne sich das alles gar nicht.

Sie ist neu in der Stadt. Flaum auf der Oberlippe. Dunkelhaarig. Ring durch die Unterlippe. Sie schaut aufs Klemmbrett. Vor dem Eingang wartet eine Blonde mit Brille.


Beweg dich wie eine Zeichentrickfigur
wie eine Comicfigur
wie eine Schaufensterpuppe
wie eine Marionette

O beweg dich
wie ein schüchterner Schatten
wie eine rauchende Souffleuse

Die Wolken schicken sich an, dunkel zu werden
die Regierungskreise hassen es, berührt zu werden

Die Welt der Frauen stand ihm immer noch offen
Die Welt der Frauen hatte sich mir schon vor längerem verschlossen

Vielleicht war es auch etwas anderes

+ De Lillo.


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