Donnerstag, 24. November 2016

Der Himmel ist groß (Egmond, kurze Version)

Egmond aan Zee ist ein typischer niederländischer Badeort. So wie Scheveningen oder Zandvoort, nur nicht so bekannt. Egmond ist ein altes Fischerdorf, dessen Ursprünge bis ins 10. Jahrhundert zurück reichen. Damals bestand es aus ein paar Häusern für Arme mit beschränkten Fischereirechten. Dann schlummerte Egmond trotz bester Lage Jahrhunderte lang vor sich hin, bis es in den 1950er Jahren von Prinzessin Beatrix entdeckt wurde, die hier eine Kinderlandverschickung ansiedelte. Heime für kranke Kinder, die sich an der prächtigen Seeluft erholen sollten. Und dann kam erst der Tourismus.

"Auf einer Karte des alten Fischerdorfs Egmond aan Zee ist zu sehen, wann Teile des Dorfes im Meer verschwunden sind", steht auf der Werbebroschüre für das lokale Museum. Das Museum ist das kleinste und unscheinbarste, das man sich vorstellen kann. Untergebracht ist es in einer kleinen ehemaligen Kapelle. Am Empfang sitzt eine ältere Frau, über ihr hängt ein altes Glockenwerk, das dem Tag eine akustische Struktur verschafft. Es gibt es jede Menge Land- und Seekarten und alte Fotos, auf denen Frauen weiße Antje-aus-Holland-Mützen tragen, eine nachgebaute Wohnstube mit echten Utensilien und ein Fischerboot.

Tatsächlich gab es öfter einmal einen großen Sturm hier, die Allerheiligenflut von 1570, den Sturm von 1741, auf den hin das ganze Dorf inklusive Kirche rückgebaut wurde, weiter ins Land hinein versetzt, und dort, wo es ursprünglich stand, ist jetzt das Meer.




Hoogwater

Woensdag 3 oktober 6:32 18:46
Donderdag 4 oktober 7:05 19:15

Egmond aan Zee hat zwei Schwesterorte, Egmond aan den Hoef und Egmond-Binnen, letzteres beinhaltet eine Abtei, von der aus in früheren Zeiten die allgemeine Christianisierung gesteuert wurde. Egmond aan Zee hat einen touristischen Ortskern, Gastronomie, Geschäfte, alte Gebäude, einen Leuchtturm; drum herum liegen verschlafene Wohngebiete mit den für die Niederlande üblichen Häusern aus rotem Backstein. Aber auch hier hängt oft ein Schild der lokal gut organisierten Zimmervermittlung im Fenster, meist sogar auf Deutsch ("Zimmer frei" oder "Zimmer voll"). Und es gibt die Bettenburgen am Strand und am Ortsrand.

Untergekommen bin ich bei einer Dame, die morgens Tennis spielen geht und davon lebt, hier zu wohnen. Sie vermietet eine "kamer" im 1. Geschoss ihres Hauses, dazu ein weiteres Zimmer und draußen irgendwo ein ganzes Ferienhaus. Warum ich hergekommen sei? fragt sie. Ich war als Kind schon mal hier, sage ich. Ah, das erzählen viele! Sie kommen immer wieder! lacht sie. Von meinen privaten Erwägungen erzähle ich nichts.

Denn neben der Nostalgie, der Regression, kurz: der Erinnerungen an die Kindheit trieben mich andere Überlegungen her. Kopf lüften, Abstand gewinnen, über Beziehung nachdenken – für so etwas sollen Spaziergänge am Strand ja ganz gut sein.

Es ist eine Woche her, dass fast Schluss gewesen wäre. Die Diktatorin meines Herzens hatte mich beinah an die Luft gesetzt. Nach einem Streit über Omeletts am Sonntagmorgen – ein Geschenk, das ich nicht annehmen konnte, wie ich überhaupt so einige Angebote ihrerseits nicht zu schätzen wüsste, so der generelle Vorwurf – waren die Dinge schnell heikel geworden. Unsere Grenzen hatten Grenzen. Ursprünglich wollte ich auch nicht alleine fahren. Jetzt aber schien mir Egmond aan Zee genauso prekär zu sein wie ich selbst.

Ich gehe einfach mal drauf los, in die unendliche Weite. Der Strand ist gelb, breit, weitläufig. Es ist der perfekte Strand. Keine Kieselsteine, keine Felsen, kein Grund für Crocs. Eine einzige, große blaue Qualle wird angeschwemmt. Am Horizont grüßt eine Vielzahl ins Wasser gebauter Windmühlen. Bei dreißig höre ich auf zu zählen.

Das Meer ist tatsächlich ein Sedativum, ein unendlich sich ausbreitender Raum. Eine weite blaue Fläche, mal grüner, mal grauer, mal aufgewühlter, mal flacher. Mit den meisten Menschen, sagt man, passiert etwas am Meer. Sie schalten runter, sie fühlen sich angekommen. Man geht lange spazieren, wirft das Treibgut in die Fluten, und wenn man einen Hund hat, springt der dem Treibgut hinterher und bringt es zurück.

Die Nordsee weicht aus, wenn Ebbe ist, hinterlässt Rinnsale, Pfützen. Irgendwo steht ein Schild: Hier gelten die Strandregeln von Bergen, dem Gemeindehauptort im Norden. "Du allein machst auch noch keinen Sommer!", sage ich zu einer einzelnen Möwe. Ich kann Möwen nicht von Schwalben unterscheiden. Der Rest der Schar wird ein paar hundert Meter weiter von einer Frau in einer roten Outdoor-Jacke gefüttert. 



Zaterdag 13 oktober

Zeevogels C1G Koedijk C1 10:30
Zeevogels E2 Kolping Boys E7 10:30
Zeevogels E1 Meervogels 31 E1 09:30

Es ist Spätsaison. Im Ortskern gibt es viele Cafés und kleine Restaurants, aber nur ein einziges Café mit WLan. Wie erwartet sind viele Deutsche hier, die meisten aus dem Ruhrgebiet oder dem Rheinland. Holland als Einflugschneise für deutsche Touristen, das ändert sich auch nie. Für sie ist Holland so etwas wie ein Anti-Österreich; keine Berge, dafür viel Wasser, keine Volkstümelei mit Akkordeon und Schnitzel, dafür Pommes und Schlager, und alles ist genauso verbaut wie daheim. Insgesamt kommt man gut miteinander aus, die Wunden der Geschichte sind weitestgehend verheilt.

Was die Westdeutschen hier suchen, ist die Nähe, die geografische, soziale, politische. Sie suchen sich selbst, im Angesicht des Meers. Die Niederlande galten lange als Vorbild. Das liberale Holland, sagte man. Mit Coffeeshops für Gras und einer scheinbar perfekten Integration. Es gibt schöne Landschaften mit Wiesen, Kanälen, Milchkühen und Windmühlen. Schon die Sprache klingt wie ein Deutsch, das sich mit Frittesaus und Sonnenmilch eingekremt hat.

Hier, im Land der Calvinisten, sind die Hierarchien flacher, das Gemeinschaftsgefühl ist größer. "Help de oorlog uit een kind te halen", meldet ein Plakat am Strand, was mit "Helft mit, den Krieg aus einem Kind zu holen" nur unzureichend übersetzt ist. Allerdings sollte man sich nicht täuschen: Die wirklich liberalen Jahre sind vorbei. Der Rechtspopulismus ist recht stark geworden, der Drogentourismus eingedämmt, die Folgen der Finanzkrise auch hier spürbar.

Ich setze mich in die Sonne und esse Backfisch. Mit heißer Remoulade! Danach vielleicht ein Softeis. Oder ein Becher Vanillevla. Have love, will travel. Ich wende eine Postkarte herum. Ich überlege, was ich meiner Freundin schreiben soll. Es ist so ruhig geworden in meinem Kopf. Es weht ein wohltuender Wind vom Meer her. Ich mag gar nicht mehr über Krisen nachdenken.

Ein Bus mit getönten Scheiben fährt vorbei. Von Egmond aus gibt es nur zwei Ziele: Alkmaar und die südlich gelegene Sandburg mit dem nach Asterix-Heften klingenden Namen Castricum. Es gibt auch die kleineren Ortschaften Wimmenum und Bakkum. Ehemalige römische Kolonien? Wohl kaum.

Seit er in den sechziger Jahren seine Momente hatte, treibt der Ort unaufgeregt dahin. Nein, er treibt nicht, er bleibt einfach stehen. Die Zeitgeschichte interessiert sich nicht für Egmond aan Zee. Der Untergang, der eines Tages kommen wird, es sei denn, die Niederländer werden auch weiter die Weltmeister des Dammbaus und der Landgewinnung sein, die Bastion gegen die Natur schlechthin, findet hier jedenfalls nicht statt.

Erst in der Nacht setzt ein kleiner Seesturm ein. Die Wände des zweistöckigen Hauses wackeln. Am nächsten Morgen hängen schwere graue Wolken über dem Meer, treiben aber auffällig schnell ins Landesinnere. Schwarze Wolken auf Verfolgungsjagd. Regen, seit ich wach bin. Hier kommen die Atlantiktiefs über den Kontinent herein, denke ich auf dem morgendlichen Spaziergang, während eine Maschine der KLM aus den Wolken geflogen kommt. Egmond ist auch Einflugschneise für Schiphol, dem Flughafen von Amsterdam.

Das Wasser ist unruhig, der Himmel ist groß. Noch ein Tag oder zwei, denke ich, und ich habe mich wieder zusammengesetzt. Ich sehe eine Milchkuh aus Plastik, die auf eine Stange gesetzt am Strand steht. Was passiert, wenn ich wieder zurück im Beton bin, weiß ich nicht. Ob die Konflikte gelöst, die Klüfte gekittet, die Beziehung gerettet werden kann. Ehrlich gesagt, ist es mir für den Moment auch egal.


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