Mittwoch, 30. November 2016

Die Gärten der Paulina

"You see there's leaders and there's followers
but I'd rather be a dick than a swallower" (Kanye West)

Sie hat schnell den Tanzpartner gewechselt. Sie ist nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Wer wird sie dereinst hinter die Fichte führen?

Random Terror. Und alle sprechen so in ihre Kabel. Halten ihre kleinen Schnüre leicht von sich weg, führen sie zum Munde und sprechen in sie hinein. Ich bin gestern hinter einer Deutsch-Asiatin eingestiegen und habe sie unfreiwillig auf ihrem Weg durch die Stadt verfolgen dürfen. Sie redete in einem fort. Sie redete über den Tonmann, der ausgefallen war. Und darüber, dass die Pros manchmal auch nur so tun. Sie reden schlau. Aber dann kommt nichts. Sagte sie.

Speicher, Resonanzhäfen, hallende Hallen. Oder auch nicht. Andererseits die vergebenen Möglichkeiten, vielleicht die zu Recht vergebenen, die absichtlich liegen gelassenen Möglichkeiten. Vertauschte Objekte. "Abtaun Girl".


Der Berg kreißte und gebar eine Maus. Es ist schrecklich, wie neurotisch und überladen ich bin, wie melodramatisch und grüblerisch. (Nicht Herr im eigenen Haus, und ziemlich auf Verschleiß gefahren.) Ich warte auf Entscheidungen, die fallen mögen.

"Kann sein, dass Albert recht hat. In jedem Tor steht ein Torwart, und trotzdem fallen immer wieder Tore."
"Was soll das heißen?"
"Nichts."

Er buhlte um Verwertung. Er makierte einen Diss-Track. Er sah sich im Haus des Handelns mit Bildern von Ankes Rosette konfrontiert. "Die Verbeulung", Teile 1 bis 7. Er bezeichnete die Stimmung als bedeutungslos. Die Anlieger reagierten ungehalten.

Wie geht es denn so? Na, nicht so gut. Ich hatte heute eine ganz andere Stimme am Telefon. Und  sonst so? Ach, wissen Sie, das Wetter. Ein unglaubliches Grau. Es ist dunkel, es ist nass, und ich muss morgens recht früh raus, obwohl ich nicht so der Morgenmensch bin, und dann funken diese Stressfaktoren in den Arbeitstag hinein, und mein Kopf wird immer schwerer, und ich sehne die Feiertage herbei, vor denen ich andererseits mächtig Angst habe, schließlich bin ich allein, und die Einsamkeit meiner Wohnung verengt mir die Weltsicht, obwohl ich sie gleichzeitig immer weiter hochrüste, aber das mit den Nackenschmerzen macht mir auch Angst, Angst, den Grund meiner Existenz zu verlieren, die Arbeit, und den anderen geht es nicht anders, alle sind unter Konsumdruck, im Besorgungsstress, und entweder auch in Furcht vor Weihnachtseinsamkeit oder eben vor dem Stress der Familie, und es wird immer früher dunkel draußen, und die Welt ist nicht offen, die Welt steht mir nicht mehr offen, sondern schließt sich zusehends, und ich bin froh über die Surrogate, die ich habe, die aber eben nur Surrogate sind, Ersatzteile für das, was fehlt, während - ach, fragen Sie lieber nicht, fragen Sie lieber nicht, wie es geht.

Gegenarbeit. Sie springt mir in den Rücken, mein Kopf ist schwer, es bricht mir das Genick
Wichtig ist die Unterstützung durch das eigene Umfeld
Wichtig ist, einen Ausgleich zu schaffen, wichtig ist, sich zu entspannen
Das übersehene Symptom, der unglaubliche Körper
eine Frau mit ängstlichem Hund

Dienstag, 29. November 2016

Strände des Widerstands

Abends zwischen Licht
Strategien der Wurfsendung

Verrauschte Kassetten, irgendetwas Klassisches.
Zeit. Das Geräusch, das Zeit macht, die vergangen ist.

Er hatte ein Paralleluniversum aufgetan; er hatte es entdeckt, war aber leider dort hineingefallen. Ein irgendwie endloser, zweidimensionaler Raum. Er würde nie wieder dort herauskommen. Endlose Zeit, endlose Einsamkeit. Er war in einem Paralleluniversum gefangen.

2028, das Jahr, in dem erstmals ein Roboter einen Wimbledonsieger im Tennis schlug.





Wir wissen, dass soziale Kontrolle und Evaluation zu einer allgemeinen Hemmung von Kreativität und also zu Konformismus und also zu Stagnation und nachfolgend zu Regression führt. Wir wissen, wo der Bartel den Pfeffer fängt. Sprachfindungsstörungen, Krisenländer, ein Buch mit katalanischen Ortsnamen, es gibt da zum Beispiel den Ort Das, den ich gern mal besuchen würde. Es gibt auch Cervia. Und Flix. Und Albufeira, was ungefähr eine Lagune bezeichnet.

Schlafdefizite, Trauerfälle, Gegoogelte. Die Phantasie von Gelingen, das gevögelte Über-Ich, das Ameisennest eines Betriebs. Heute ist ein freier Tag. Bekanntschaften, die irgendwann in die private Rubrik "Was macht eigentlich... " fallen. Das Berliner Wetter wird besser, das Viertel schleichend aufgewertet, aber die kaputte Arbeiterklasse gibt es hier immer noch, die Frage bleibt auch, wo sie denn hingehen, die Armen. Wo gehen sie hin?

Wir tickern das dann. 


Wir bestellten Pernod, und während sie mir erzählte, dass sie aus Madrid kam, und berufliche Gründe sie her geführt hatten, sie machte nämlich, sie lachte trocken, in Tourismus, schaute ich in ihre harten braunen Augen, in ihr makelloses Gesicht, das nach einer perfekten Oberfläche für Projektionen aussah und einer endlosen Reihe von Verehrern. Ich fragte mich, ob sie oft angesprochen wurde im Laufe einer Woche, ob sie nicht schon verheiratet war, wie viele Männer sie schon gehabt hatte. Sie erzählte von einer Freundin, die sie versetzt hatte, von den Schiffen, die nicht mehr auf den Kontinent fuhren, von den Streiks auf den Flughäfen. Sie wirkte freundlich und offen, während ich allmählich verschlossener wurde. Je größer mein Interesse wurde, desto größer wurde mein Schweigen, ein altes Muster. Ich bekam kaum noch den Mund auf, außer um zustimmende Signale oder verbalisierte Fragezeichen zu äußern. Und während sie von ihrer Arbeit als Organisatorin erzählte, und mich dabei aufmerksam anschaute, hörte ich gar nicht mehr richtig zu, sondern versuchte, mir ein Bild von Madrid zu machen, von ihrem Leben dort, von einem Alltag in einer kleinen oder großen Wohnung mit Blick auf eine der vielen Prachtstraßen, ein weißes Haus in einer heißen Stadt, weit vom Meer entfernt.

Ihr Akzent lag merklich neben denen, die ich aus dem Fernsehen oder von spanischen Kollegen kannte. Ihre großen Augen schauten über ihr Glas hinweg, während es um uns herum immer dunkler wurde, und die Atmosphäre allmählich entspannter. Einmal setzte sie mitten im Satz aus, nippte an ihrem Glas und verschluckte sich. Und strahlte mich dann an. Überhaupt, dachte ich, wirkte sie nervöser als ich, was ich für ein gutes Zeichen hielt. Und sie hielt den Blick mit diesen zu großen braunen Augen und redete weiter über ihren Auftrag, über Urlaub im Allgemeinen, von künstlichen Zeitzonen, die geschaffen worden waren, um Erholung zu ermöglichen, Erholung von der üblichen Zeit, die bald wieder einsetzte, aber bis dahin wurden wir in einer Warteschleife gehalten.

Die Santa Maria im Hafen von Barcelona, 1978

Montag, 28. November 2016

Oura

Mir wachsen die Ohren zu, macht nichts.

Die Kurse laufen robust.

Ich sorge für Musik. Niemand außer mir scheint Musik zu mögen. Ich teste verschiedene Musiken aus: Beethoven, auf den lediglich das Gespenst und eine der Hauskatzen anspringen; Blasmusik, Indierock, Trap, alte Beat-Klassiker, etwas Free Jazz, Schlager, BeBop: nichts. Eine der Töchter Edgar Allen Poes staunt mich mit aufgerissenen Augen an, dreht sich um und verschwindet in den Garten. Die anderen lassen kaum ihre Bücher sinken - einer liest Foucault, Die Sorge um sich, seine Freundin liest irgendetwas von Simon Beckett, warum auch immer. Ich singe in der Badewanne und lasse ganz schön Dampf ab. Die Fenster beschlagen. Ich brauche zwei Liter Wasser, um die anschließenden Kopfschmerzen zu vertreiben.

Hotelkomplexe, die wie gestrandete Kreuzfahrtschiffe aussehen. Es ist mehr als Klimatransfer. Portugiesische Models, die sich für die Williams-Schwestern halten und sich auf Handtücher platzieren, die als portugiesische Nationalflagge daher kommen.


Obwohl es fast schlagartig dunkel wurde, war es immer noch sehr warm. Ich betrachtete meinen rechten Unterarm und das gefleckte Hemd des Wirts, das ihm am Rücken klebte, und dachte über Schweiß nach. Schweiß war hier etwas Selbstverständliches. Das war es in der Heimat nicht. Ich dachte über die Engländerin nach, die vorhin an uns vorbeigegangen war. Für sie muss es besonders beschwerlich sein, eine Bleichsüchtige in der tropischen Zone. Sie muss sich ständig in Acht nehmen. Sie muss einen hohen Lichtschutzfaktor wählen. Sie muss Sonnenbrillen tragen, Strohhüte, weite Kleider. Als ich mit Rotwein nach spülte, blickte mich die Spanierin ernst an. Ich wich ihrem Blick aus, weil ich mich aus einem mir nicht sofort verständlichen Grund zuerst ertappt, und dann beschämt fühlte. Sie räusperte sich.

»Alea«, sagte sie.
»Was meinst Du?«
»Alea, so heiße ich.«

Ich schaute sie lange an. Sie machte einen ernsthaften Gesichtsausdruck.

»Hast du schon einmal aufgehört, jemanden zu lieben? Ich meine, schleichend, während der andere noch da ist?«
»Ja«, sagte ich, »das ist mir schon einmal passiert, ja. Es war irgendwie gleichzeitig enttäuschend und vollkommen erleichternd.« Das Gespräch nahm eine seltsame Wendung. Vielleicht lag das am Alkohol. An der Leichtigkeit des Sommers.

»Wir sind nicht frei. Du bist nicht frei, ich bin nicht frei.«
»Ja«, sagte ich.



Seenebel. Die unsterblichen Zitherklänge.

Meine Zukünftige sagte mir, sie wäre jetzt mit T. zusammen. Das war am ersten Abend. In meinem Rücken Geflüster auf Polnisch. Vor mir erkenne ich, hinter der Lastwagenreihe, einen Flachbau. Schales Licht aus alten Neonröhren. Brummende Stille. Hier wird es wohl irgendwo eine Toilette geben, dachte ich.

Das kannte kaum jemand. Drei Frauen, die synchron von demselben Mann, der großen Liebe sangen, das war unvorstellbar.

Natürlich hätte sie gleich 500 Euro in dem Kulturkaufhaus lassen können.

+ Urversion "Ich glaube nicht an Abschiede"


Es fehlt: glaube


Samstag, 26. November 2016

Einwand

Die Burg Leichlingen. Ich möchte für eine Zeitgeist-Zeitschrift arbeiten.

Wie lächerlich das alles war. Lächerlich wie die Schmerzen, die kamen und gingen, besonders gerne kamen sie, wenn sie überhaupt nicht gefragt waren, zum Beispiel an einem freien Wochenende.

Ich telefonierte mit meiner Mutter, die längst wieder alles vergessen hatte, was ich ihr beim letzten Telefonat erzählt hatte, und heulte los, als das Telefonat beendet war. Ich telefonierte mit einem Freund und wartete auf die Wirkung der Schmerztablette. So ging das seit Monaten. Von einem Schmerzzentrum zum anderen. Wie doof mein Leben geworden war. Ich stecke in einem Tal fest, so hatte das Mutter genannt. Ein Tal, ein Winterloch. Eine Dauerkrise. Jetzt fragte ich mich, werde ich eines Tages aus meinem Fenster auf die katholische Kirche im Hinterhof schauen und denken: Es ist vorbei? Und wissen, dass es tatsächlich vorbei war? 


David Foster Wallace:

"Verstand und Witz und Hochseilakrobatik sind in der Literatur wirksame Instrumente, doch wenn sie vor allem dazu benutzt werden, den Leser auf Abstand zu halten, dann, finde ich, werden sie missbraucht - sie dienen dann nur als Abwehrmechanismen. Leyner versteckt sich als Autor, ebenso wie sich viele Exhibitionisten und Schauspieler und Komiker und Intellektuelle verstecken. Ich möchte mich nicht verstecken, weder als Mensch, noch als Autor. Es ist einsam."

Ich konterkariere mich, ich stehe unter ständiger Selbstbeobachtung
Ich stagniere vor mich hin, Ängste beherrschen mich.

Meine Dissidenz ist Luxus, die Definition wurde mir nie gegeben
Es wurde noch keine Vision als gesichtet markiert.

Ich verkaufe Texte. Der Marktwert meiner Texte ist zu niedrig. Mit jedem neuen Buch, mit jedem neuen Text entsteht neue Hoffnung, die Hoffnung auf Ruhm, der von den Pflichten befreit. Und mich mit einer länger währenden Befriedigung erfüllt. Jede Absage hingegen ist ein Rückschlag, eine Ernüchterung. Der (mir von mir selbst gegebende) Sinn meiner Existenz ist bedroht.


Einwand
Downshifting
Übergriff vs. das Soziale, ich und die anderen, Kunst und Freiheit
Künstlerische Freiheit vs. das Reinreden der Auftraggeber

"Es liegt Ironie darin, dass ich mich am attraktivsten derjenigen darstellen kann, auf die ich es nicht angelegt habe. Psychologisch kein Riesenrätsel", schreibt Gerald Koll drüben im Fisch. Ich kenne das Phänomen nur zu gut, und doch frage ich mich, wie ist die Lösung? Kein Riesenrätsel, schreibt er, aber wie lautet die Erklärung? Warum ist das so?

Fallbeispiel: Die Nichtverliebte verabschiedet sich mit Müdigkeit. Darf man sich beschweren? Oder darf man nicht? Bringt eine Beschwerde überhaupt etwas? Die Verliebte macht die Nacht durch. Sie ist kurz und schön. Wundert man sich? Oder wundert man sich nicht? Darf man sich beschweren? usw.

Downshifting
Ich fühle mich gestrichen
Habe ich die Wahl?
Ich habe Geschmack. Warum muss ich unterhalb meines Geschmacks bleiben?
Etc.

Donnerstag, 24. November 2016

Der Himmel ist groß (Egmond, kurze Version)

Egmond aan Zee ist ein typischer niederländischer Badeort. So wie Scheveningen oder Zandvoort, nur nicht so bekannt. Egmond ist ein altes Fischerdorf, dessen Ursprünge bis ins 10. Jahrhundert zurück reichen. Damals bestand es aus ein paar Häusern für Arme mit beschränkten Fischereirechten. Dann schlummerte Egmond trotz bester Lage Jahrhunderte lang vor sich hin, bis es in den 1950er Jahren von Prinzessin Beatrix entdeckt wurde, die hier eine Kinderlandverschickung ansiedelte. Heime für kranke Kinder, die sich an der prächtigen Seeluft erholen sollten. Und dann kam erst der Tourismus.

"Auf einer Karte des alten Fischerdorfs Egmond aan Zee ist zu sehen, wann Teile des Dorfes im Meer verschwunden sind", steht auf der Werbebroschüre für das lokale Museum. Das Museum ist das kleinste und unscheinbarste, das man sich vorstellen kann. Untergebracht ist es in einer kleinen ehemaligen Kapelle. Am Empfang sitzt eine ältere Frau, über ihr hängt ein altes Glockenwerk, das dem Tag eine akustische Struktur verschafft. Es gibt es jede Menge Land- und Seekarten und alte Fotos, auf denen Frauen weiße Antje-aus-Holland-Mützen tragen, eine nachgebaute Wohnstube mit echten Utensilien und ein Fischerboot.

Tatsächlich gab es öfter einmal einen großen Sturm hier, die Allerheiligenflut von 1570, den Sturm von 1741, auf den hin das ganze Dorf inklusive Kirche rückgebaut wurde, weiter ins Land hinein versetzt, und dort, wo es ursprünglich stand, ist jetzt das Meer.




Hoogwater

Woensdag 3 oktober 6:32 18:46
Donderdag 4 oktober 7:05 19:15

Egmond aan Zee hat zwei Schwesterorte, Egmond aan den Hoef und Egmond-Binnen, letzteres beinhaltet eine Abtei, von der aus in früheren Zeiten die allgemeine Christianisierung gesteuert wurde. Egmond aan Zee hat einen touristischen Ortskern, Gastronomie, Geschäfte, alte Gebäude, einen Leuchtturm; drum herum liegen verschlafene Wohngebiete mit den für die Niederlande üblichen Häusern aus rotem Backstein. Aber auch hier hängt oft ein Schild der lokal gut organisierten Zimmervermittlung im Fenster, meist sogar auf Deutsch ("Zimmer frei" oder "Zimmer voll"). Und es gibt die Bettenburgen am Strand und am Ortsrand.

Untergekommen bin ich bei einer Dame, die morgens Tennis spielen geht und davon lebt, hier zu wohnen. Sie vermietet eine "kamer" im 1. Geschoss ihres Hauses, dazu ein weiteres Zimmer und draußen irgendwo ein ganzes Ferienhaus. Warum ich hergekommen sei? fragt sie. Ich war als Kind schon mal hier, sage ich. Ah, das erzählen viele! Sie kommen immer wieder! lacht sie. Von meinen privaten Erwägungen erzähle ich nichts.

Denn neben der Nostalgie, der Regression, kurz: der Erinnerungen an die Kindheit trieben mich andere Überlegungen her. Kopf lüften, Abstand gewinnen, über Beziehung nachdenken – für so etwas sollen Spaziergänge am Strand ja ganz gut sein.

Es ist eine Woche her, dass fast Schluss gewesen wäre. Die Diktatorin meines Herzens hatte mich beinah an die Luft gesetzt. Nach einem Streit über Omeletts am Sonntagmorgen – ein Geschenk, das ich nicht annehmen konnte, wie ich überhaupt so einige Angebote ihrerseits nicht zu schätzen wüsste, so der generelle Vorwurf – waren die Dinge schnell heikel geworden. Unsere Grenzen hatten Grenzen. Ursprünglich wollte ich auch nicht alleine fahren. Jetzt aber schien mir Egmond aan Zee genauso prekär zu sein wie ich selbst.

Ich gehe einfach mal drauf los, in die unendliche Weite. Der Strand ist gelb, breit, weitläufig. Es ist der perfekte Strand. Keine Kieselsteine, keine Felsen, kein Grund für Crocs. Eine einzige, große blaue Qualle wird angeschwemmt. Am Horizont grüßt eine Vielzahl ins Wasser gebauter Windmühlen. Bei dreißig höre ich auf zu zählen.

Das Meer ist tatsächlich ein Sedativum, ein unendlich sich ausbreitender Raum. Eine weite blaue Fläche, mal grüner, mal grauer, mal aufgewühlter, mal flacher. Mit den meisten Menschen, sagt man, passiert etwas am Meer. Sie schalten runter, sie fühlen sich angekommen. Man geht lange spazieren, wirft das Treibgut in die Fluten, und wenn man einen Hund hat, springt der dem Treibgut hinterher und bringt es zurück.

Die Nordsee weicht aus, wenn Ebbe ist, hinterlässt Rinnsale, Pfützen. Irgendwo steht ein Schild: Hier gelten die Strandregeln von Bergen, dem Gemeindehauptort im Norden. "Du allein machst auch noch keinen Sommer!", sage ich zu einer einzelnen Möwe. Ich kann Möwen nicht von Schwalben unterscheiden. Der Rest der Schar wird ein paar hundert Meter weiter von einer Frau in einer roten Outdoor-Jacke gefüttert. 



Zaterdag 13 oktober

Zeevogels C1G Koedijk C1 10:30
Zeevogels E2 Kolping Boys E7 10:30
Zeevogels E1 Meervogels 31 E1 09:30

Es ist Spätsaison. Im Ortskern gibt es viele Cafés und kleine Restaurants, aber nur ein einziges Café mit WLan. Wie erwartet sind viele Deutsche hier, die meisten aus dem Ruhrgebiet oder dem Rheinland. Holland als Einflugschneise für deutsche Touristen, das ändert sich auch nie. Für sie ist Holland so etwas wie ein Anti-Österreich; keine Berge, dafür viel Wasser, keine Volkstümelei mit Akkordeon und Schnitzel, dafür Pommes und Schlager, und alles ist genauso verbaut wie daheim. Insgesamt kommt man gut miteinander aus, die Wunden der Geschichte sind weitestgehend verheilt.

Was die Westdeutschen hier suchen, ist die Nähe, die geografische, soziale, politische. Sie suchen sich selbst, im Angesicht des Meers. Die Niederlande galten lange als Vorbild. Das liberale Holland, sagte man. Mit Coffeeshops für Gras und einer scheinbar perfekten Integration. Es gibt schöne Landschaften mit Wiesen, Kanälen, Milchkühen und Windmühlen. Schon die Sprache klingt wie ein Deutsch, das sich mit Frittesaus und Sonnenmilch eingekremt hat.

Hier, im Land der Calvinisten, sind die Hierarchien flacher, das Gemeinschaftsgefühl ist größer. "Help de oorlog uit een kind te halen", meldet ein Plakat am Strand, was mit "Helft mit, den Krieg aus einem Kind zu holen" nur unzureichend übersetzt ist. Allerdings sollte man sich nicht täuschen: Die wirklich liberalen Jahre sind vorbei. Der Rechtspopulismus ist recht stark geworden, der Drogentourismus eingedämmt, die Folgen der Finanzkrise auch hier spürbar.

Ich setze mich in die Sonne und esse Backfisch. Mit heißer Remoulade! Danach vielleicht ein Softeis. Oder ein Becher Vanillevla. Have love, will travel. Ich wende eine Postkarte herum. Ich überlege, was ich meiner Freundin schreiben soll. Es ist so ruhig geworden in meinem Kopf. Es weht ein wohltuender Wind vom Meer her. Ich mag gar nicht mehr über Krisen nachdenken.

Ein Bus mit getönten Scheiben fährt vorbei. Von Egmond aus gibt es nur zwei Ziele: Alkmaar und die südlich gelegene Sandburg mit dem nach Asterix-Heften klingenden Namen Castricum. Es gibt auch die kleineren Ortschaften Wimmenum und Bakkum. Ehemalige römische Kolonien? Wohl kaum.

Seit er in den sechziger Jahren seine Momente hatte, treibt der Ort unaufgeregt dahin. Nein, er treibt nicht, er bleibt einfach stehen. Die Zeitgeschichte interessiert sich nicht für Egmond aan Zee. Der Untergang, der eines Tages kommen wird, es sei denn, die Niederländer werden auch weiter die Weltmeister des Dammbaus und der Landgewinnung sein, die Bastion gegen die Natur schlechthin, findet hier jedenfalls nicht statt.

Erst in der Nacht setzt ein kleiner Seesturm ein. Die Wände des zweistöckigen Hauses wackeln. Am nächsten Morgen hängen schwere graue Wolken über dem Meer, treiben aber auffällig schnell ins Landesinnere. Schwarze Wolken auf Verfolgungsjagd. Regen, seit ich wach bin. Hier kommen die Atlantiktiefs über den Kontinent herein, denke ich auf dem morgendlichen Spaziergang, während eine Maschine der KLM aus den Wolken geflogen kommt. Egmond ist auch Einflugschneise für Schiphol, dem Flughafen von Amsterdam.

Das Wasser ist unruhig, der Himmel ist groß. Noch ein Tag oder zwei, denke ich, und ich habe mich wieder zusammengesetzt. Ich sehe eine Milchkuh aus Plastik, die auf eine Stange gesetzt am Strand steht. Was passiert, wenn ich wieder zurück im Beton bin, weiß ich nicht. Ob die Konflikte gelöst, die Klüfte gekittet, die Beziehung gerettet werden kann. Ehrlich gesagt, ist es mir für den Moment auch egal.


Dienstag, 22. November 2016

Verlandung

Die ausgestreckte Hand, die dir einen Joint reichen will.
Decken. Deckenleuchten. Chloraugen, Mitnahmesuizid.
Frauen, die mit Brille schwimmen (nicht gemeint: Schwimmbrille. Sondern normale Brille).
Eine Frau, die mit einem Hund verheiratet ist.

Hoher Leistungsdruck, soziales Umfeld.
"Ich kann dir nicht empfehlen, das zu veröffentlichen. Ich konnte mich leider nicht für eine Veröffentlichung entscheiden."




Gerade hat der Informatiker seine erste Liebessimulation geschrieben. The sorrows of the day. Die gegenwärtigen Proteste unterscheiden sich in ihrem Inhalt nicht von der kapitalistischen Geschichte der Klassenkämpfe – es geht um den über den Arbeitsmarkt vermittelten Zugang zu den Lebensmitteln, und sollte man das Glück haben, den Warenhandel auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich abgeschlossen zu haben, geht es auch darum, sich selbst als Individuum zu erhalten. 

Ich bin zum Tode verurteilt. Tod durch Strang. Ich solle schon mal die Schlinge anlegen, das sei ja nur pro forma, sagt Frau H., die ich als Autorin aus der Zeitung kenne. Ein Ritual, nach dem ich von allem befreit wäre. Ich stehe auf einem Stuhl mit der Schlinge in der Hand, Frau H. guckt nicht, ich beschließe, zu fliehen. Hüpfe davon, springe in einen Zug - einen Nahverkehrszug, der in die Niederlande fährt. Frau H. ist enttäuscht, meine Flucht war doch unnötig, ich schreibe ihr, dass ich einerseits aus Angst, andererseits aber eben auch aus Trotz geflohen sei. Ich weiß nicht, warum ich so ein Ritual über mich ergehen lassen muss. Im Zug gehe ich hin und her, denn ich habe keine Fahrkarte. Dass ich nach Holland fliehe, freut mich, ich male mir aber auch die Fortsetzung der Flucht aus: Ich werde der Redaktion eine Postkarte aus Kalifornien schicken.

Vorher nahm ich an einem Schreibseminar teil. Ich lese eine Geschichte vor, die besonders von zwei Jungen, die irgendwie als wild gelten, niedergemacht wird. Ich denke: Sie sehen nicht, dass es da noch eine zweite Ebene gibt. Sie verstehen die Ironie nicht. Bevor ich zu Ende gelesen habe, wird die Diskussion bereits abgebrochen; die Geschichte ist durchgefallen. Bei den beiden Jungs handelt es sich um J. und W. Sie verlassen das Seminar voreilig und sind verschwunden, mit ihnen meine Jacke, darin mein Portemonnaie. Ich bin wütend. Ich beklage mich, finde aber bei niemandem Gehör. Dann finde ich die Jacke von J., die ich als Ersatzjacke anziehe. Eine grüne Lederjacke. Später finde ich W., dem ich Gewalt antue, mit den Worten: Du hast doch wohl nicht gedacht, dass Du ungeschoren davon kommst.



In der Bar 3 erzählte ich dann von der Panikattacke, die ich hier einmal hatte. Inzwischen lässt sich sagen, es war nicht meine letzte. Ich hatte eine Blinddarmreizung als Kind, die sich nach drei Tagen wieder beruhigte, und die Freundin von B. erzählte an jenem Abend im 3 von ihrer Blinddarmentzündung, die sie am französischen Mittelmeer, genau am Strand ereilte, und wie sie vom Strand abtransportiert worden sei, im Hochsommer, und ins nächstliegende Krankenhaus eingeliefert, und alles auf französisch, und dann die Komplikationen während der ersten Notoperation, die eine zweite nötig machte, und ihr Leben stand auf dem Spiel, und das alles erzählte sie so, als sei es um einen Galeriebesuch gegangen, während ich -






Sonntag, 20. November 2016

Farm oder Firma

Ein trockener Sonntag. Wir drehen den Zweck auf.

Ich gehe in die Mutterschaft. Es gibt Garagen für Kinderwagen, KiWaBos, Kinderwagenboxen, kleine, graue, abschließbare Blechhäuschen, die neben den Fahrradständern vor den Mietskasernen stehen.

Wie eine Wiese riecht. Gibt es auch Indoor-Spielplätze? Es gibt Eltern, die die Kinder nach Geschlechtern nicht trennen, aber zu unterscheiden suchen. Junge oder Mädchen? Problem, sobald ein Kind weder pink noch blau trägt.

Morgen geht es zum Teddydoktor.

So ähnlich wird es aussehen: Das Cover des neuen Buchs, des dritten Gedichtbands WART UND GEGENWART.


Ihren Mann hat Milena über eine Zeitungsannonce kennen gelernt. Sie hatte nach unverbindlichen Abenteuern gesucht. Der Text ihrer Annonce war eindeutig, und doch hatten sich erstaunlich wenige Männer darauf gemeldet. Die Einsendungen, denen Schwanzfotos beilagen, sortierte sie gleich aus (obwohl sie bei ein, zwei Aufnahmen hängen blieb, der unglaublichen Überlängen wegen, aber die Sprache der beiliegenden Schreiben stieß sie ab – es war noch die prädigitale Periode, die Zeit, als es noch keine Standardformulierungen gab und Wischtechnik etwas bedeutete, das mit Anstreichen zu tun hatte). Das Porträtfoto des Rechtsanwalts irritierte sie in seiner Mischung aus Professionalität und spätpubertärer Unsicherheit; er sah wie ein ausgewachsener Schuljunge aus, der sich auf eine Stelle als Nachhilfelehrer für Mathematik bewarb. Von seinen Vorlieben schrieb er nichts. Er schlug lediglich ein erstes Treffen vor, ein Vorbereitungstreffen an einem neutralen Ort, am besten ein unscheinbares Café in der Nähe seiner Kanzlei. Praktisch war er schon damals. Es wurde tatsächlich ein belangloses und biederes Treffen, jedenfalls für sie. Für ihn war es alles andere als das.



Sie sitzen dann gern vor Kulissen. Vor Bergen und Tälern, vor dem Zuckerhut oder der Golden Gate im Hintergrund, vor dem Eiffelturm oder einer unbenannten Häuserschlucht, sie sitzen selten vor oder auf Autos, das ist passé, aber wenn sie stehen, dann stehen sie gern in Wohnzimmern.

Wie eine Wiese riecht. Gibt es auch Indoor-Spielplätze? Es gibt Eltern, die die Kinder nach Geschlechtern nicht trennen, aber zu unterscheiden suchen. Junge oder Mädchen? Problem, sobald ein Kind weder pink noch blau trägt.

Morgen geht es zum Teddydoktor.


Freitag, 18. November 2016

Halbräume

Die Verwandlung der Kuh in ein Mädchen.

Ich schreibe verworren, sagte man mir in den Redaktionsräumen, von den ersten Leserinnen, die ich so habe, manchmal denke ich, es sind die einzigen.
Ein großes Chaos, und immer bleibt das Kind an mir hängen.
Truman Capote und die Ächtung.

Die Firma, die mein Smartphone hergestellt hat, stellt auch Rolltreppen her.
Am Sonntag ist mir das Ding ins Badewasser gerutscht.
Die Macht der Statistik: Immer bin ich einer von ihnen. Jetzt zum Beispiel bin ich einer von den 20 Prozent aller Handybenutzer, denen das Gerät schon mal ins Wasser gefallen ist.

Gestern war ich schwimmen, seitdem habe ich Wasser im Ohr (links). Vielleicht sollte ich auch mein Ohr in Reis einlegen.


Was mit Melanie Kundera ist, was hinter ihrer Fassade aus Fleiß und Kontrollwut steckt, weiß ich nicht. Was mit ihrem Ehemann ist, was sie mit ihm verbindet, außer der Tatsache, dass er ihr grundlegendes Sicherheitsbedürfnis abdeckt, auf dessen Basis sie sich die Freiräume nimmt, die sie braucht, weiß ich auch nicht. Wie viel er ahnt, was er weiß. Nicht viel, vermute ich. Dass ausgerechnet er dieses Sicherheitsbedürfnis abdecken kann, ist angesichts des Doppellebens, das er als Rechtsanwalt in der Stadt führt, ohnehin ein Witz. Aber vielleicht einer, der funktioniert. Sogar beidseitig. Ein Paar, geschmiedet in der Hölle. Auch Melanie Kundera hat Erfahrungen in der Halbwelt. Und sie sieht aus wie ein Dämon, so im Halbschatten. Über sie sind Beschreibungen im Umlauf, die sie nicht im besten Licht zeigen. Sie gilt als schwierig. Ich finde sie im unteren Badezimmer, sie macht sich vor einem Hängespiegel zurecht. Eine verstörende Hochstreckfrisur entsteht.

»Ich habe eine böse Seite«, gibt sie zu. »Aber ich lese diesen Müll nicht!« Ich lache.
»Ist es dein Onkel, der dich berühmt macht?«
»Haha, bestimmt nicht.«

Irgendwo geht ihr Klingelton, aber es ist für jemand anders. Sie setzt sich auf einen Hocker, um sich besser kämmen zu können. Ich sehe auf ihre Beine. Ich würde ihr gern über das Nylon streichen, nur für einen Moment, nur ganz kurz.


Gedanken im 3/4-Takt. Der ehemalige Berufsmusiker, der nach seinem neunzehnten Nervenzusammenbruch keine Musik mehr hören kann. Er sei es müde, Musik analytisch zu hören, sagt er. Immer muss er das Arrangement dazu denken. Immer denkt er in Noten, in Sätzen, in Einteilungen. Erst Jahre später kann er wieder Musik hören, weil er sie jetzt anders hört, weil er die Musik genießen kann. Weil es auch andere Musik ist.

Ich vermisse die Falschen. Spaziergang durch einen nächtlichen Badeort, ein paar englische Pärchen, ein Taxi. Hellgraue Stille.

Als ich am Pool liege, bemerke ich, dass die weißen Schlieren im Sichtfeld nicht von meiner Brille herrühren und auch nicht von der Natur, oder hat jemand die Landschaft mit Milchpulver eingesprüht? Schwindel, Kreislauf, Ohrpfropf, es kommt alles zusammen, der linke Arm kribbelt auch, die Online-Foren empfehlen den Weg zum Psychiater, und meine Reisebegleitung empfiehlt sich als Antianimateur, also als Entspannungs- und Beruhigungsmotor.

Die psychoanalytische Maschine stockt, und draußen liegt Sonnenstaub.

Mittwoch, 16. November 2016

Sie müssen verzeihen

Aus doofen Gründen mitten in der Nacht aufgewacht. Nach zwei Stunden noch einmal. Keine Ahnung, was der Traum vorher war, aber ich begann über die große Kölner Zeit nachzudenken, vielleicht die schönste Zeit meines Lebens. Natürlich wurden auch damals viele Fehler gemacht. Aber es wurde auch der Versuch gestartet, das mit der Kunst auf mehreren Gleisen zu wagen (Musik und Literatur); es wurde der Versuch gestartet, die Familie weitgehend durch eine künstliche Familie zu ersetzen*. Leider war nicht alles sanft und freundlich, einfach und passend; im Gegenteil. Wo Fehler gemacht werden konnten, wurden sie gemacht. Am Ende

Ich dachte darüber nach, was ich vom Leben will, was ich machen will, und was damals so schön war an dieser Zeit. Ich wollte und konnte Spätfilme** sehen, also weitgehend ausschlafen, Zigaretten rauchen, Musik machen, Lesen und Schreiben, Freunde treffen; es gab auch Sport, ohne dass dieser als Zwangsausgleichsprogramm für irgendetwas da sein musste, man musste sich nicht einmal dazu überwinden. Das soziale System funktionierte weitgehend. In den sehr schönen Zeiten wachte ich neben einer jungen Frau auf, die ich liebte und verehrte. Am Ende

Es hätte von mir aus für immer so weiter gehen können. Aber die Bedrohungen waren auch da, der Druck, von etwas leben zu müssen, also fremdbestimmt zu arbeiten; das Wissen, dass das Studium nicht ewig gehen würde (worauf ich es mehr oder weniger gleich ganz abbrach); die kleinen Geldströme, die schließlich versiegten; und dann die offenen und verdeckten Konflikte: mit den Ansprüchen, der Vergangenheit, mit den Wünschen und Stellungen der Anderen. Die Konkurrenten, die eigenen Defizite. Am Ende


- brach alles fürchterlich zusammen, und ich flüchtete, um einen Neuanfang in einer anderen Stadt zu versuchen. Das aber war hart, härter als ich dachte. Nach einiger Zeit gab ich auch die Musik mehr oder weniger auf. Ich versuchte, mich aufs Schreiben zu konzentrieren und baute Plan B aus, das journalistische Schreiben. Plan B wurde immer mächtiger, weil mit Plan A weniger Geld zu verdienen war - umkämpfte kleine Felder, viel Konkurrenz. Plan B aber leider auch: umkämpfte kleine Felder, viel Konkurrenz. Dazu die mitgeschleppten Klassenunterschiede - von links in die Mitte, von der Armut in die Normalexistenz, das ist kein einfacher Weg, wenn man nicht von jeher der Mitte entsprungen ist (aber das führt jetzt fast zu weit). (Da bin ich vielleicht noch immer nicht: in einer Normalexistenz. Prekariat, wenn auch inzwischen höheres.)

Etwas biografistisch hier? Aber vielleicht müssen diese Revisionen noch einmal sein; auf der Suche nach dem Urschlamm, dem Grund für die Krise. Vielleicht liegt der Grund auch darin, dass ich alles alleine bewältigen musste - oder besser: weitgehend allein, was vor allem bedeutet: ohne Analytikerin, die mich sanft mit nach oben zieht; die Drift nach unten ist stärker geworden, weil die Baustellen und Konfliktpunkte nicht alle geklärt sind. Widerhakende Widerstände, die ich eben nicht alle gleich sehe und verstehe -




* Lustigerweise bietet die amerikanische Unterhaltungsindustrie diese Konzepte (auch) an - zumindest bis zu einem bestimmten Punkt. Man schaue Sitcoms wie Friends oder The Big Bang Theory: Freundeskreise, Cliquen, Familienersatz. Im ersten Fall mit (einem!) Kind, im zweiten sogar (noch) gänzlich ohne. In Berlin habe ich mir einen Freundeskreis gesucht, vielleicht sogar zwei oder mehrere, aber bewusst keine Clique - aus Angst vor den Brüchen, Abstürzen, enttäuschten Hoffnungen (und überkreuzten Liebesbeziehungen). Aber die Kreise haben, auch altersbedingt, immer eine Eigendrift - viele zieht es eben doch dahin, die eigene Familie aufzuziehen. Und nicht alle wollen was mit Kunst machen.

** Schöner Gedichttitel, by the way: "Spätfilme"


Montag, 14. November 2016

Leg Day

Der nächste Morgen. In der Forsthausküche hängt ein Geruch nach Milch. Das Frühstück ist erledigt, die Bilderbuchfamilien bereiten bereits das Essen vor, irgendetwas mit Bohnen und eingelegtem Fleisch. Die Bohnen werden geschnitten, das Fleisch zubereitet, Sud gekocht. Große Kochtöpfe kommen zum Einsatz, während die Reste des gebrauchten Geschirrs gespült wurden. Ich mache mir einen Kaffee und einen Tee für M. und schaue den Köchen zu. Eine endlose Abfolge von Haushaltsarbeiten, von keiner technischen Errungenschaft wie einem Mixer oder einer Spülmaschine erleichtert. Eine Atmosphäre wie am Anfang des letzten Jahrhunderts, eine Imitation von Großfamilie. Und eine Atmosphäre der Wortlosigkeit, der Trostlosigkeit, wie man sie aus alten Filmen kennt. Alles Arbeit, und kein Spiel. Ich bin mit anderen Worten in einer finsteren Zwischenwelt gelandet. In einem Hexenhaus am Rande des Urwalds irgendwo in Brandenburg, in dem fleißig die Naturkarte gespielt wird. Ein darkes Häuschen am Ende eines Kopfsteinpflasterwegs, ein ehemaliges Forsthaus, das sie sich zu acht gekauft haben, Marie Kundera und ihr Mann, der kleine Rechtsanwalt, und der General und seine Frau, und noch ein paar Leute.



Die nächste Stadt liegt etwa zwanzig Kilometer entfernt. Marie kommt in die Küche und steht auf ihren O-Beinen lässig an die Anrichte gelehnt und trinkt ihren Tee. Ich mustere sie und überlege, was dieser Eindruck mit mir macht. Ob ich mich noch genügend angezogen fühle. Ob es das wert war. Was hat mich hierher gebracht? Ich fühlte mich vom ersten Moment an unwohl, in dieser Einöde, in der ich mich in meine Kindheit versetzt fühle, Kindheit auf dem Land, abgeschnitten, fremden Mächten ausgesetzt, ohne jeden zivilisatorischen Ausgleich. Das Forsthaus riecht nach Staub, nach Holz, nach Tod, nach Spinnweben und Langeweile. Zwar wird es nach und nach renoviert, umgebaut, erweitert, aufgemöbelt und durchgeputzt; mittlerweile hat es vielleicht den Stand von 1955 erreicht. Doch niemand wohnt hier, jedenfalls nicht auf Dauer. Immerhin gibt es immer wieder neue Gäste. Junge Frauen zwischen Studienabschluss und Arbeitslosigkeit, aus der sie sich bevorzugt mittels Schwangerschaft retten, reisen in Fahrgemeinschaften in grauen oder militärgrünen Kastenwagen (Renault Twingo) an. Die zugehörigen Männer sitzen am Steuer und tragen modische Bärte oder kauern bartlos auf den hinteren Plätzen und lesen altmodische Bücher. Und alle frönen sie einem selbst ausgedachten Wochenendkommunismus, einem Hang zum DIY, zum Selbermachen. Man bringt sich das Handwerk bei – indem man bei den Anderen zuschaut oder etwas nachschlägt oder auf Youtube nachsieht, wie man das macht: eine Wand verputzen, einen Kessel flicken, einen Fußboden fliesen.

Leg day, rest day
Das Handy hat die Wasserrutsche genommen

WART UND GEGENWART. Gedichte. Parasitenpresse Köln. Dezember 2016. WATCH OUT.

Auserzählte Trauer. Das kaputte Gesundheitssystem. Die zerknautschten Fußsohlen.
Die einen, die anderen. Wir hätten auch in Paris sein können.
Die Krise dauert ganz schon lange.
Kein Wort vom Spion im Haus der Liebe.




Samstag, 12. November 2016

Pas de Cádiz

Ich war so erleichtert, als der entscheidende Anruf kam, morgens im Hotel Morales, ich hatte mir schon Hotels in Cádiz angeschaut, das außergewöhnlich voll zu sein schien. Da rief Carlos zurück. Carlos, der Reiseleiter von Schauinslandreisen, einem Reiseunternehmen, dem ich in aller Ewigkeit dankbar sein werde für die spontane Reaktion, die problemlose Abwicklung, die geringen Zusatzkosten. Auf dem Weg zum Busbahnhof in Ronda, den ich fast nicht gefunden hätte, brach ich in Tränen aus. Ich war so erleichtert. Knapp zwei Stunden Geschaukel im Bus, dröhnende Betäubung, dann mit dem Bus zum Flughafen. Eine leere Abfertigungshalle, ein Schalter, der noch geschlossen war. Ich ging zur Toilette und kam wieder, da standen zwei am Schalter, eine Frau und er, Diego, der mir mit einer vielleicht mirakulösen Geste die neuen Papiere überreichte, und ab in den Flieger nach Mallorca. Dort Umstieg in den Flieger nach Berlin. Während der Flieger nach Mallorca voller lärmender Kinder war, war der Flieger nach Berlin voller wunderlicher RentnerInnen.

Die 120 Tage von Málaga
Selbstporträt als blöder Hund
Überall habe ich Schmerzmittel versteckt


Eine Spanierin redet unablässig im Nebenzimmer. Vielleicht telefoniert oder skypet sie. Raum 205, meine Hausnummer. Es ist 0.44 Uhr, Valentinstag ist vorbei. Letzte Nacht gegen zwei Uhr war weibliches Stöhnen zu hören. Eine andere Frau, sie stöhnte gleichmäßig, ohne Steigerung, dafür recht lange. Wie man überhaupt immer nur die Frauen hört. Männer stöhnen nicht.

Have love, will not travel

Something's Got to Give

Der Hals meiner Mutter, den ich lustvoll küsse im Traum, halbinzestuös
In der Nacht zuvor vom Sex mit dem Schmatz geträumt

Die Schönen und die Wichtigen
noch immer im Rache-Modus, ich musste daran denken, als ich am Strand saß
und im Hintergrund eine Sardella verbrannt wurde, für all unsere Sünden
die so lässlich waren, im Vergleich




Málaga ist eine sportliche Stadt, hier joggen viele. Ein hässlicher Hafen verstellt den Blick aufs Meer. Der Hafen im Zentrum dagegen wurde zur Kulisse ausgebaut; zwei seegrüne Kriegsschiffe unter spanischer Flagge liegen beruhigt vor Anker.

Ein altes Bild: Eine Hausantenne schwankt im Wind. Der Wind schiebt auch die Plastikstühle hin und her. Und in den Palmen schreien Vögel. Ein Münchener führt ein Café am Platz, ein Sechzger, seit zwanzig Jahren hier im Süden ansässig, Heimweh kennt er nicht. Männer mit Backenbart, Reste von Subkultur. Zwei hellhäutige jüngere Frauen, die rauchen (oft werden E-Zigaretten geraucht hier) und sich auf spanisch unterhalten, welchen Migrationshintergrund haben sie? Eine Blonde, eine Rothaarige.

Vor der Kirche am bulevar warten Bettler auf die Kirchgänger, es ist Sonntagmittag, die Messe müsste gleich zu Ende sein.


Donnerstag, 10. November 2016

Hafenlichter

Auf einem Konzert stellte sie mir ihre Freundinnen vor. Sie waren alle so entmutigend jung. Sie hießen wie Halluzinationen oder Hochglanzmagazine. Galatea und Wilma. Sie sahen klein aus und fesch und pausbackig und wie frisch im Seifenblasenladen gekauft, und sie staunten mich unverwandt an und fragten sich – natürlich zu Recht – was in aller Welt sie mit mir altem Sack wollte. Ich konnte es ihnen auch nicht sagen. Bzw. doch: nichts. Sie fühlte sich geschmeichelt, sie fühlte in eine obere Generation hinein, ohne dass es etwas Familiäres sein musste. Mehr war es nicht. Schon die Unterhaltung zwischen uns verlief stockend. (Man kann immer nur 15 Jahre nach unten oder nach oben reden, alles andere ist hoffnungslos, schrieb Wolfgang Herrndorf einmal irgendwo.)

Nervös war ich bei all der Distanz, der altersgemäßen, der vielleicht kulturellen, trotzdem. In ihrer Anwesenheit war ich der Jüngere; ich war nervös wie ein 15-jähriger Backfisch. Gleichzeitig genoss ich es. Ich genoss diese Nervosität, weil ich sie nur von früher kannte, weil ich sie für etwas Nostalgisches hielt, weil ich sie bei den kalten, abgeklärten, aufgeklärten, mit allen Wassern gewaschenen Frauen meiner Generation nicht mehr spürte. Weil ich sonst selbst zu abgeklärt war. Und hier war ich genau das: hilflos. Aber am Ende waren diese Erklärungen hilflos, und abgeschmackt, der Topos ist ja nicht gerade neu. Der Ältere und die Junge. Ein Mann knapp vor der Midlife Crisis, der eine eine junge, hellblonde Kindfrau kennen lernte, bei der er etwas Trost suchte, während wir scheinbar aufmerksam ein Konzert verfolgten, aber sie war zu jung und außerdem war da noch diese Katze, mit der ich es eigentlich treiben sollte. Das Schlimmste an der Konstellation aber war, dass sie nicht weiter interessiert war. Einen offensichtlichen Vaterkomplex hatte sie nämlich nicht.

Lahmes, verloschenes Italien. Das Land ist schal geworden, abgeschmackt, aber vielleicht war es das auch schon immer. Ich weiß es nicht.

Bester Moment der Reise, als ich ihr den alten Schlager vorgesungen habe: All day, all day, watch them all fall down, all day, all day - ? Und sie sang: Domino Dancing.

Nur männliche Stimmen auf ihrer Mailbox. Stimmt etwas mit ihr nicht? Und was machte ich eigentlich? Einen Traum verfolgen.

Penelope, die Parallelkusine
Kurz vor meiner Reise ins europäische Ausland

Geräte und Körper. Eine große Spiegelwand, durch die ich nicht gehen konnte, ich fühlte mich groß, tapsig, dick.

Die Physiotherapeutin meint, dass es reichlich freie Stellen gebe, aber, wie alle medizinisch begleitenden Berufe, sei auch die Physiotherapie äußerst unterbezahlt. Ein vollgestopfter Tag, ein Reinraus in der Praxis, ein Patient nach dem anderen, sonst lohne sich das alles gar nicht.

Sie ist neu in der Stadt. Flaum auf der Oberlippe. Dunkelhaarig. Ring durch die Unterlippe. Sie schaut aufs Klemmbrett. Vor dem Eingang wartet eine Blonde mit Brille.


Beweg dich wie eine Zeichentrickfigur
wie eine Comicfigur
wie eine Schaufensterpuppe
wie eine Marionette

O beweg dich
wie ein schüchterner Schatten
wie eine rauchende Souffleuse

Die Wolken schicken sich an, dunkel zu werden
die Regierungskreise hassen es, berührt zu werden

Die Welt der Frauen stand ihm immer noch offen
Die Welt der Frauen hatte sich mir schon vor längerem verschlossen

Vielleicht war es auch etwas anderes

+ De Lillo.


Dienstag, 8. November 2016

Warten auf Nr. 38

Sie trägt schlangenhauthafte, also schlangenmusterne Strumpfhosen.
Sie umarmen sich im Regen.

Wenn wir mit der Zeitmaschine ins Jahr 1987 reisen, kommen wir trotzdem nicht in die DDR hinein. Unsere Ausweise werden ja noch gar nicht gültig sein (hätten noch keine Gültigkeit gehabt).

Unter der Decke mit einer jungen Russin, nachdem die Schauspielerin, mit der er verheiratet war und ein Kind hatte, ausgegangen war. Sie versuchten Analverkehr, aber das Babygeschrei aus dem Nebenzimmer störte sie schließlich auf.


Shio Ramen im japanischen Eckrestaurant. Überall hängen Schilder: VORSICHT TASCHENDIEBE. Vermutlich haben die TASCHENDIEBE einmal zu oft die Gelegenheit benutzt, dass die Kasse unbesetzt war oder die Gäste ihre Plätze verlassen mussten, weil ihr ferngesteuerter Timer sie zur Essensausgabe holte. Jetzt also die allgemeine Warnung vor dem unbekannten Bösen. Die Frage ist trotzdem, ob die Atmosphäre nicht freier wäre, wenn es diese Schilder nicht gäbe. Vielleicht verhindern diese Schilder den einen oder anderen Diebstahl. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht sorgen sie nur dafür, dass sich die allgemein herrschende Angst und Paranoia auch in diesem Raum des japanischen Eckrestaurants breit macht.

Gebrechen und Strafe, ausgebrannte Nerven
Die Freiheit zu verzweifeln
Der Traum vom guten Schlaf

Ich nähe mir einen Fallschirm
Was gut ist für die Psyche

Lauter Liebesgeschichten, die nicht aufgehen. Lauter Verheiratete.
O meine Stachelneuronen. Kann sein, der Elefant wird immer größer. Vielleicht auch daher die Schmerzen.


Ich gehe unerschrocken mit Kritik um. Ich sitze neben einer bildschönen Frau und frage mich, warum sie nicht meine Freundin ist. Sie sieht gleichzeitig frisch und verbraucht aus, dazu gut gelaunt. Keine Frage, was sie in der letzten Nacht gemacht hat. Dann höre ich den Namen: Lars. Und wenig später den Namen: Laura. Liebeslage leider weiter aussichtslos.

Sie bedienen sich an reichhaltigen Buffets. Der Kreis schließt sich.

Traum: Ich habe eine mündliche Prüfung. Es geht um zwei Bücher, die ich erkennen sollte: Das eine heißt "Die Gespenster der Psychoanalyse", das andere bleibt namenlos

The Chase, die Vernachlässigung, die Spannung.
Der fehlende Ausgleich. Die Gefährdungsbewertung.

Anderer Traum: Ich gebe ein Paket auf. Obwohl R. und seine Freundin mich überreden wollen, das nicht zu tun. Im Paket befindet sich Kohle. Also einerseits echte Briketts, andererseits eine darin versteckte, echte Geldmenge. Außerdem Rauschmittel. Am Ende kommt das Paket BEI MIR an (ob ich es mir selbst geschickt habe, oder es "Zurück an den Absender" ging, weiß ich nicht). Mitsamt der gesamten Kohle.

Sonntag, 6. November 2016

Ich glaube an die positive Erzählung

Ich glaube an die positive Erzählung. Auch wenn ich ins Schwanken gerate. Ich denke darüber nach, warum man sich freikaufen muss. Freikaufen wie in: freischießen. Sich mit Geld bewaffnen.

Überall finden sich Silvias silberne Haare. Im Bad, in der Küche, im Wohnzimmer, im Bett. Du haarst, hat Michael einmal zu ihr gesagt. Ich mache mir Sorgen. Sie lachte. (Und wirklich schien sich die Fülle ihrer Haare nicht zu verändern.)

Die automatischen Schiebetüren aus Raumschiff Enterprise klangen mir noch tagelang in den Ohren. Diese Wischlaute. Manchmal wusste die Tür im Hintergrund schon Sekunden vorher, dass die Figur vorne gleich seine Markierung verlassen und den Abgang suchen würde, es war großartig.

Die vier Phasen der Trennung. Das Nicht-Wahrhaben-Wollen, die Wut, die neuen Pläne, das Ankommen in der Realität. Ich hätte ja gedacht: Der Schock, die Wut, die Depression, die Ablenkung - und fünftens erst: das Neue.

Schießschartenartige Fenster.

Ich nehme die Nr. 6, ich muss bis zur Endstation. Aber am Knotenpunkt (irgendwo in Köln, eine von diesen tiefgebauten Haltestellen, ein Betondschungel) wandelt sich die 6 in die Linie 8, und ich habe den Umstieg verpasst. Ich sehe wie ein führerloser Einzelwagen einer anderen Linie mit mehreren Fahrgästen versucht, sich an uns anzudocken. Schlusspointe fehlt.

Über dem Land ging ein Gewitter herunter, als ich endlich unter dem Dach der kleinen Bushalte saß und auf den Rufbus wartete, der dann ein Taxi war und mich für zwei Euro zum Bahnhof kutschierte. Dem Fahrer fehlten Kleingeld und ein Sensorium für die eigene Körperpflegebedürftigkeit. Aber eigentlich war mir das gleichgültig. Ich saß melancholisch auf der Rückbank, sah dem wackelnden Wald im Fenster zu und schwieg. Ich fuhr zurück, endlich. Hinter mir öffnete sich der Himmel. Ich fuhr zurück, in eine Stadt voller Taxis.

Die Schellen, die wir uns umgehängt hatten. Und natürlich: das Thema Dankbarkeit. Die Süßigkeiten, der gesüßte Kaffee, vielleicht war es das, was mich am Platz hielt, die servile Haltung, die smaragdblauen Augen, die Körperform, eine Form von Regression, in diesem Dorf, vor dieser Konditorei. Fast eine Woche lang saß ich so jeden Tag liebestoll auf dem Marktplatz wegen einer Frau, die ich schon vor zwanzig Jahren hätte anmachen sollen (obwohl sie damals noch ein Kind gewesen sein musste).




Freitag, 4. November 2016

Unterlegt mit sanfter Energie

Der Auftrag war so gut wie erledigt. Frau K. war instruiert, genügend Nähe aufgebaut worden, die anderen würden sich in der Welt verstreuen, manche, die meisten, würde ich nie wieder sehen. Und ich konnte endlich das Forsthaus hinter mir lassen.

Auch dachte ich, während wieder einmal ein Film auf die nackte Wand im Gesellschaftszimmer geworfen wurde, diesmal war es ein Film über zwei Bilderbuchfamilien, die sich in einem Urwald verlaufen hatten, und ihre Versuche in Kannibalismus, nach einer Kurzgeschichte von Edgar Allen Poe, dass die Prämisse fehlerhaft gewesen war, denn blindes Engagement war keinesfalls wünschenswert, im Gegenteil, es konnte sich im ungünstigen Fall gegen den Investor wenden; es stimmte schlicht nicht, um es kurz zu fassen, dass man mehr rausbekam, je mehr man reinsteckte, denn nicht alle Operatoren funktionierten nach dieser Regel, manche waren so gewitzt, alles investierte Kapital eigennützig zu verbrauchen und sich etwaige Gegenleistungen nach Möglichkeit zu schenken, respektive gab es bei manchen nicht einmal den Horizont, an so etwas wie Gegenleistungen überhaupt zu denken.

Diesmal saß ich alleine auf einem Stuhl, von der Chaiselongue mit Herrn und Frau Kundera wohltuend entfernt, und rieb mir den Bauch. Während der letzten Tage hatte ich unter Verdauungsproblemen gelitten. Zwei warme Mahlzeiten pro Tag und der übliche Feierabendunsinn. Ich hatte zugenommen. Ich hatte seit Tagen in keinen Spiegel gesehen.

Jack Kerouac, On the Road (doch endlich beendet):
"... schaltragende Indios musterten uns unter Hutkrempen und Rebozos hervor. Alle streckten uns die Hände hin. Sie waren aus den entlegeneren und höheren Bergen hinabgestiegen, streckten die Hände nach etwas aus, das sie von der Zivilisation erwarteten, und hätten sich deren Trauer und armselige, zerstörte Illusionen nicht träumen lassen. Sie wussten nicht, dass es jetzt eine Bombe gab, die all unsere Brücken und Banken sprengen und wie bei einem Lawinenabgang zu Kleinholz machen konnte, sodass wir eines Tages genauso arm wären wie sie..."

Weiteres Buch, das ich zum zweiten Mal lese: Max Frisch, Homo Faber. Bin vom Stil überrascht, hätte es mir verstaubter vorgestellt. Und wieder, wie bei Walsers Pferd, kann ich mich kaum erinnern (Homo Faber mit 16 zum ersten Mal gelesen, ca. 1988).

Eine Beerdigung, auf der "Apache" von den Shadows gespielt wird.

"Bitte lest diesen Text...": Im Grunde kann das über JEDEM Text stehen. Denn das ist das, was Texte wollen: GELESEN WERDEN.


»Eigentlich hatte ich einen weiblichen Gast erwartet. Eine Frau, die ich kürzlich kennen gelernt habe, auf der Fahrt zum Konzert von Adam Green. Eine Schickse, mit Sommersprossen überall, und einer streichzarten Honigstimme. Wir haben uns im Auto kennengelernt, in Davids Kleinwagen, saßen einträchtig nebeneinander, sangen alles mit, hörten uns dann das Konzert an und verschwanden danach in die Bürgerlichkeit. So hätte es jedenfalls sein sollen. Aber jetzt hat sie abgesagt. Von einer Telefonzelle aus.«
»Kennengelernt in den Redaktionen der Welt, in der Umkehrung einer Schraube, auf dem Weg zum Damenklo, in einem VW Polo auf dem Weg zum Konzert, zu den nächtlichen Klängen eines Windspiels. Eine Hellblonde mit Perlenohrringen, mit Gleichgewichtsstörungen und einem Vaterkonflikt. Damals, als wir noch hautperfektionierend waren, in einer Regionalsenderwirklichkeit unterwegs, damals, presented by Heimwerkerzentrum Köln-Buchholz, kurz vor der Selbstversöhnung.«
»Sie sieht aus wie eine Schwedin. Normal groß, normale Figur, und so hellhäutig, ich könnte sterben. Aber sie bräuchte etwas mehr Blau in den Augen.«


Donnerstag, 3. November 2016

Spooky Republic

Das schöne Nachrichtendeutsch: Mehrere Beamte verließen mit Kartons das Haus der Frau.

Der Fisch, der lieber eine Angel wäre. Dass man immer Grenzen setzen muss. Bevor man verschluckt wird. Oder ausgesaugt. Erst fragt sie, ob ich einmal heiraten möchte. Später sagt sie, ich wirke eher wie ein Typ, der Affären habe.
Die weibliche Skepsis.

Effektive Mikroorganismen. Das therapeutische Abstinenzgebot (schade). In der Wundersaison eine letzte Runde Zumba Gold. Das Gold steht für: Seniorinnen und Senioren.

Ich nehme ein reinigendes Blutbad. Paradoxer Nachruf: Er lebte für die Nachhaltigkeit.

3 Varianten: Ich gehe zu Bett (ca. 1910), ich gehe ins Bett (normal), ich geh na Bett (Niederrhein).




Stadt ohne Jugend.
Totberuhigte Innenstädte. Eine Stadt, die schon seit Jahren in ein riesiges Seniorenheim mit Auslaufzone umgebaut wird. Schleichende Umnachtung überall. Welt, die immer kleiner wird, bis man sich auf seiner Burg vor Gespenstern verschanzen muss. Umso erstaunlicher, dass auf den Burgen, die hier bezogen werden, AfD-Fahnen wehen. Denn: Wer soll die in Bälde Hinfälligen einstmals pflegen? Ihre verlorenen Söhne? Wohl kaum. Ich sehe da eher Überweisungen und Planstellen, die mit ehemaligen Flüchtlingen besetzt werden.
Arbeitsmarktpolitik.
Die Gehemmten, die Hemmenden. Was sie können, ist Mangel produzieren.
Totberuhigte Innenstädte. Migration sollte besonders dort eigentlich höchst willkommen sein, denn ansonsten sind das shrinking cities, absterbende Landstriche.
Diskursive Rückzugsmanöver, Verschanzung. "Das deutsche Volk". Ach herrje.
Burg ohne Rapunzel, die noch irgendwie ihr Haar herablassen könnte. Burg, von der aus die Windmühlen zu sehen sind, gegen die es anzukämpfen gelte. Solange das Burgtor überhaupt noch heruntergelassen werden kann.
Hinter der Windmühle wartet der Friedhof. Die Gräber sind ausgehoben, sie sind feucht und warm.
Wenigstens die.


Stephan Groetzner, Tote Russen. Ich mag das immer noch. Dass er nach all den Jahren noch mal wo aufgetaucht ist, und das sogar recht erfolgreich, gefällt mir ebenfalls. Damals saßen wir zusammen in der Kölner Autorenwerkstatt, obwohl es völlig vermessen ist, von einem Wir zu sprechen. Er saß halt da und las seine schrullig-witzigen Texte vor, und ich saß auch da und las andere Texte vor. Zu den Ausgehleuten, der Peer Group, in der ich mich bewegte, gehörte er nicht. Jetzt schreibt er ein Buch voller kleiner skurriler Geschichten und nennt darin alle seine Einflüsse, die toten Russen eben: Gogol, Puschkin, Tschechow (!), Dostojewski, Tolstoi. Die russischen Romantiker. Den größten Einfluss nennt er, soweit ich gelesen habe, jedoch nicht: Daniil Charms. Mich aber legt er nicht herein.

Gefühle, mit denen man zurechtkommen muss. Abweisungen, Niederlagen, der Narzissmus der dritten Reihe. Ich bin etwas besorgt, ich habe Angst. Was besorgt mich? Was genau macht mich so traurig? Später denke ich: Das ist das Leben. Vielleicht ist ja genau das das Leben. Diese ganze Gefühlsscheiße. Ich bin nur halt relativ neu in der Schule der Empfindsamkeit. Nach all den verlorenen Jahren.