Sonntag, 9. Oktober 2016

Unter Schmerzen

Glas.

Einteilung der Töpfe, und immer die Angst, dass die Brüste nicht richtig sitzen. Aber nein, sie hat eine gute Figur. Ich wende mich wieder K. zu. Woran denkt sie, wenn sie mir schreibt, sie denke an mich? Denkt sie an Sätze, die ich gesagt habe? Denkt sie über mögliche Abenteuer nach? Oder an das Jahr, in dem wir nicht miteinander geschlafen haben? Worüber schreibst du, möchte sie jetzt wissen. Ich schreibe über eine Zukunft, die wir nicht miteinander haben, könnte eine mögliche Antwort sein. Eine traurige Zukunft. Das sage ich dann. Weil, das könnte interessant klingen. Wie ein Science Fiction. Unendliche Langsamkeit, Raumschiffe in Zeitlupe. Ein kalt durchseeltes Weltall. Aber vielleicht ist es die Gegenwart, die ich meine. Wart und Gegenwart. Denn auch nach vorne, in die Zukunft gewandt, ist diese Zeit von Bedeutung. Hier und jetzt würde sich alles entscheiden. Von dieser Passage würde alles abhängen.

She's a goer. Sie genehmigt sich einen 15-Dollar-Cocktail. Im Anschluss nimmt sie einen für zwölf. Während sie neben mir sitzt, nähert sich auf den Straßen der Vorstadt der Verehrer, den sie per SMS und Fort/Da-Taktik hergelockt hat. Die Ablösung. Nur wird dann doch zu oft versucht, das Bein zu tätscheln. Da sie mit nackten Beinen herumläuft, schaue ich mir von meinem Barhocker aus ihre Kniekehlen an, als sie in den hinteren Bereich verschwindet.

Die Situation ist immer noch dieselbe. Da kommt sie von der Toilette und lächelt sich ansatzlos wieder ins Gespräch zurück.


Kranke Musik. Wilco: Yankee Hotel Foxtrot. Weezer: Pinkerton. Das Loch stopfen. Die Grundkenntnis ist gefunden: Da ist ein Loch, und es wird niemals zu stopfen sein. Immerhin weiß ich das jetzt. Und kann zusehen, das Parallelloch, die Lochkopie im Realen zu stopfen.

"Sie stolpern von einer Verliebtheit in die nächste. Wenn Sie ein wenig Diplomatie gebrauchen, wird ihr Liebesnetz halten", sagt das Horoskop.

Thomas Melle:
"Dieser megalomanische Boulevard der Superstars (...) offenbart natürlich eine Fixiertheit auf Berühmte und Prominente (...) Eine seltsame Eitelkeit spricht daraus, eine Sehnsucht auf Zugehörigkeit und Größe.
In der Jugend standen in meiner unmittelbaren Umgebung zunächst keine Vorbilder zur Verfügung, es war einfach alles eng und klein und furchtbar, also mussten sie aus der Ferne herbeigeschafft werden, die Vorbilder, die Stars (...) und das Ferne in den Büchern war ein Versprechen, eine Wette auf die Zukunft, ein Raum, der mir offenstand, ein Weg aus der Enge dieser Unmittelbarkeit. Denn die Künstler hatten aus ihren Schwächen und Beschränktheiten doch selbst etwas anderes, etwas Öffnendes, über sich selbst Hinausweisendes gemacht..."

Ich gehe auf Wasser herum, ich mag nicht, wenn Leute einsteigen.

"When in hole, stop digging." 

So dilatorisch.

Die Übertragungswagen glänzten in der Mittagssonne. Die Frequenzen waren klar und rein. Ein Duft nach Kaffee und Brause zog über den Platz. Die Mikrofonierung wurde per Handzeichen für abgeschlossen erklärt.

Sendeminuten verstrichen. Dann trat die Schauspielerin in einem purpurroten Kleid und in dunkelroten Schuhen mit Absätzen das Podium und verlas eine Erklärung des Ministeriums für Aufklärung. Sie verlas sie mit Schauspielerinnenstimme. Ein glitzerndes Fahrzeug hielt auf Höhe der Bühne, umringt und freigestellt von Uniformierten, eine Tür hob sich. Es wurde kurz etwas hektisch, die technischen Mitarbeiter machten Handzeichen, die M. nicht lesen konnte, er beendete das Ferngespräch mit Emma, die Übertragung fand längst statt. Die Schauspielerin beendete ihre Rede, lächelte ins Ungewisse, matter Applaus erklang, dann kam von irgendwoher Musik.

Der Himmel war klar und ungetrübt, als Frederic erschien und auf die Bühne zulief, während sich ein ranghoher Funktionär aus dem Glitzerfahrzeug schälte und eine behandschuhte Hand nach draußen hielt, die von einer Funktionärin geschüttelt wurde. Frederic ließ sich nicht beirren, jetzt war er dran, sein Gesicht war versteinert, sein Schritt entschlossen wie der eines wütenden kleinen Jungen. Er rauschte an dem Funktionär vorbei und betrat die Bühne, um ein offenes Wort aus, wie er sagte, dem Munde eines Geschäftsmanns und Mitarbeiters der städtischen Börse auszusprechen.

"Die Ausbeutung ist total", sagte er, dann folgte eine Kaskade von Sätzen, die kaum jemand verstand.


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