Samstag, 29. Oktober 2016

Draußen im Mentholpark

Draußen, im Mentholpark, ein Mechanismus der Verzögerung. Ich erwarte das Urteil, jeden Moment. "The benefits arrive and life goes on." Die Ästhetik der Oberfläche: Schauen wir uns auch das noch einmal an.

Im Zug: "Tom fragt wo wir gehn, Alter." "Wir gehn Wesel." "Tom ist aber Voerde, Alter." "Ey, solln wir Voerde?" "Wir gehn Wesel, Alter." "Wesel ist Abschaum, da bin ich jeden Tag, Alter."

Hier stehen Wärmebildkameras, es sind Traumbedingungen. Moderne Liebe kostet nichts. Damals, als ich im Windrad stand, und eine Wasserdecke auf mich zu kam, dachte ich nur: Mach es, mach es, mach es! Mit mir war es eine Zeitlang schwierig, aber jetzt geht es besser.

Ich war der Mann mit dem halbseidenen Kragen. Ich schrieb Artikel, die jeder Antwort auswichen. Ich war geblendet von Optik. Ich ließ mich in die Oberflächen ziehen. Ich hatte noch Einkäufe zu erledigen. Die Alleinerziehende, geben wir ihr einen Namen, nennen wir sie Doreen, ging mir für eine ganze Weile nicht aus dem Kopf. Ich fragte mich, was sie noch von mir wollte. Ich vertraute ihr nicht, spätestens, seit ich herausbekommen hatte, dass sie die Pille abgesetzt hatte, damals in den letzten Wochen unseres Zusammenseins, als ich innerlich schon den Anker geworfen hatte. Vielleicht hatte sie mich nur zu halten versucht. Danach war sie eine ganze Weile allein geblieben - wie schlimm das war, hatte ich bei einem meiner wenigen Besuche gesehen: Sie hatte sich einen Fernseher an einer Stange genau über dem Bett montieren lassen. (Eine Rechnung, die fast immer aufging: Je kürzer die Strecke vom Bett zum Fernseher, desto niedriger die Frequenz des praktizierten Geschlechtsverkehrs). Irgendwann lernte sie einen jungen Mann kennen, der es nicht so genau nahm - sie aber mitsamt Schwangerschaft kurzerhand sitzen ließ. Er existierte fortan nur noch als Absender einer Dauerüberweisung, was freilich nicht ohne Bürokratie und Rechtsanwälte ablief. Sie tat mir leid, aber ich konnte ihr nicht helfen. Alles, was von ihrer Leidenschaft geblieben war, war ein verrücktes Leuchten in ihren blassgrünen Augen. Von meiner war nur ein nostalgisches Gefühl von Heimat übrig. Heimat, die wieder auf dem Weg zurück in den Süden war. Sie war eine von denen geworden, die im Zug saß, wo sie ihr Kind mit Obst- und Gemüsestücken aus der Tupperware fütterte; Apfel, Tomate, Paprika, ein paar Trauben. Dazu Leitungswasser aus der Plastikflasche. Zu Hause Sterne auf dem Bademantel, Fernseher über dem Bett, tränendurchfeuchte Seiten eines abgelegten Jane-Austen-Romans.


Unterschätze niemals die Anziehungskraft eines erfolgreichen Lebens. Der einzige Zug vs. die vielfältigen Optionen überall. Ich liege als Ware abgeschlagen auf dem Sofa. Ein Zielfernrohr vor Augen.

Ich habe meine Standpunkte, zwischen Schmerz und Trauer.
Eine Geistermail, die nach vier Wochen einfach noch einmal kommt.

Samstags kauft sie Mode. Sie geht über den Rummel, sie schaut sich Casting Shows an, sie wählt einen Kandidaten beim ESC, sie stellt sich in einen Irish Pub, um das Champions League Endspiel zu sehen. Die Mittelschicht, die alles mitmacht und alles gut findet, und sie ist ein Teil davon.

To do: Erbrecht nachschlagen.

Hier sollte jetzt eine Werbung für einen Sessellift geschaltet werden.


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