Mittwoch, 19. Oktober 2016

Capri

Ein Manufactum-Roman aus dem Bücherregal der Hotellobby.
Die Rohre von Amalfi: Arbeiterklassensohn sitzt im Jacuzzi in einem weißen Hotelzimmer, so sieht's aus.
Draußen irgendein Karneval. Berge.
Der Erfinder der Sicherheitsnadel, der Erfinder des Fliegenklebestreifens. Fliegenpapier.
Telefon am Klo, Notklingel in der Dusche. Alles ist von Ikea, ggf. selbst der Jacuzzi. Merke: Das Duschgel-Tütchen schon vor der Dusche öffnen.

Meine private Telenovela, die in Hotels spielt. Für das Personal bin ich "Monsieur K." Bin ich Teil eines verrotteten Ehepaars? "Die Ehe ist am Ende." Die Rezeptionistin heißt Monica, der Best Boy Luca. Auf meine Frage, ob er denn on the second floor lebe, weiß er keine Antwort. Er wird das mal nachschauen auf Youtube.

Ich bin als Mystery Customer hier. Guter Job. "Wer nicht schlafen kann, der will nicht träumen", steht in dem Buch, das ich aus dem Regal habe. Der Kollege von Luca sagt, reich sein bedeutet nicht Geld haben. Reich sein bedeutet ausschlafen können. Als Teenager waren wir reich, sagt er. Zehn Stunden, vierzehn Stunden, kein Problem. Auch wenn Mama genervt hat. Wir konnten schlafen. Heute können wir das nicht mehr, weil wir aufstehen und arbeiten müssen. Aber das Leben ist nicht für die Arbeit gemacht, sagt er.

Und wann wirst du erwachsen, fragte mich die Alleinerziehende im Einkaufszentrum. Irritierende Lichter ringsum, aber sterile Geschäfte. Ihr Sohn wog schwer. Er war still und glotzte ins Nichts. Es war nicht meiner, und der passende Song dazu säuselte durchs Einkaufsradio, ein alter Hit. Während ich den Brocken schulterte und versuchte, die Balance zu halten, stand die alleinerziehende Exfreundin mit Tüten in den Händen da und beschwerte sich. Sie war neu auf der Liste der Menschen, die es störte, wenn man über sie in der Zeitung schrieb. Sie fühlte sich wehrlos. Dabei hatte ich nichts Schlechtes über sie geschrieben; aber sie fand, ich sollte die Konflikte mit ihr lieber direkt austragen, ihr ins Gesicht sagen. Eine Folge noch, antwortete ich.


Ich bin von der kleinen Novelle, die ich hier gefunden habe, mehr als positiv überrascht. Harry Mulisch, Augenstern. Gut gebaut, lustig verdreht, weise, hellsichtig, komisch.

"Neben dem dröhnenden Motor fragte ich ihn, ob gerade eben auch noch andere Leute vom Krater heruntergekommen wären. Als er mich befremdet ansah, wechselte ich schnell das Thema und erkundigte mich nach dem Wohlbefinden seiner Verwandtschaft. Sein Vater, obwohl Faschist wie alle hier, sei von den Amerikanern standrechtlich erschossen worden, seine Mutter habe aber wieder geheiratet, und zwar den Bruder des Vaters; da die Verwandtschaft aber habe annehmen müssen, dass dieser Bruder seinen Bruder bei den Amerikanern denunziert habe, um seine Schwägerin heiraten zu können, hätten die Brüder ihn zu einem Picknick in die Berge bei Meta mitgenommen, wo sie Lacrimi Christi ausgeschenkt, Gorgonzola angeboten und dann erst bemerkt hätten, dass sie das Brot vergessen hatten. Daraufhin hätten sie seine Ohren abgeschnitten und ihn gezwungen, sie zu essen, dann hätten sie auch die Zunge abgeschnitten, ihn mit neunundfünfzig Messerstichen getötet, mit mitgebrachten Äxten in Stücke gehackt und ins Meer geworfen. Seine Mutter habe daraufhin Selbstmord verübt, er selber jedoch sei sehr zufrieden mit der Stelle hier."

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