Montag, 31. Oktober 2016

Bordüre

Es war einmal ein Haben
Eine anschauliche Grafik, eine kultursensible Ambulanz

Dir fehlt, was mir fehlt
die Solidität der Ereignisse

Nähe durch Text, was nicht immer funktioniert

Resignation, Erschöpfung, Gestaltungswut
Da wird es bald ein Ende geben


Ich schäme mich für die tief in mir köchelnde Wut.
Ich bin Marilyn Monroe.
Ein Hund schnarcht.
P. schiebt alles auf die Krankheit. Jegliches soziales Fehlverhalten wird mit "der Krankheit" entschuldigt. "Wir haben alles versucht, aber da kann man nichts machen."
Depressionen und Heroin, das Katholische und das Deutschnationale, ein Landvolk mit Angststörung. Überall sollen Einbrüche vonstatten gegangen sein, aber niemand hat einen erleben müssen. Haustüren werden verriegelt, alles wird sicher gemacht.
Das deutsche Volk, pffff.
Hier sind alle depressiv und kaputt, meint M., und dort leben alle im Elend.
Ja, es gibt auch Stimmen der Vernunft.
Wie viel Energie, wie viel Kraft mich diese Auseinandersetzung zum Beispiel mit der katholischen Kirche gekostet hat, völlig unnötig, denke ich heute. Warum können sie die Leute nicht in Ruhe lassen damit.
Hier in AfD-Country, auch das N-Wort fällt häufig, Vampire Empire. Fernsehdeutschland, das Wirklichkeit geworden ist.
Sie reden alle gern, halten ihre Monologe, gleichzeitig räumen sie Sprechzeiten nur für die Monologe der anderen ein, die bitte einen ähnlichen Gestus haben sollten, von echter Auseinandersetzung, von Kommunikation, von Zuhören jedoch verstehen sie nichts, - dabei bin ich doch viel schlauer als sie!
Hehe.
Im Seniorenheim sitzen sie in einem Speiseraum, der durch ein frequentes Piepen (wohl der Kaffeemaschine) durchtaktet wird. Niemand redet. Hat sich erledigt, das Reden, am Ende wartet die Wortlosigkeit, wortlos geht es ins Grab hinab, Don't fear the Reaper. Der Nachbarstisch, keine 5m entfernt, scheint so weit entfernt wie die nächstliegende Insel, deren Umrisse man bei guten Wetter noch ausmachen kann.
Du machst die junge Frau nervös, sagt Oma. (Sie meint die Schwester, die auch mir Kaffee und Kuchen serviert und den zur Uniform - weiße Hose, ein Hemd in einem schönen dunklen Lila - passenden Lippenstift aufgetragen hat; das andere Thema wäre die latente Geilheit, oder sagen wir die Suche nach der rettenden Erotik, die sich hier in mir breitmacht - alles ist mit Erotik besser zu ertragen, das ist wie beim Zahnarzt, der in meinem Fall auch immer eine Zahnärztin ist.) Ansonsten spricht sie, also Oma jetzt, nur noch in Redewendungen. Was es zwei Stunden zuvor zu Mittag gab, hat sie schon wieder vergessen.
Sinnloses Wissen.
Die Nacht des verfolgenden Laubs.
Zu viel Essen, zu weiche Matratzen.
Ich schlafe im Taghellen.
Ich schlafe im Farbeimer.



Ich habe es gesehen. Die Trauer, die verdeckten Augen, die Tränen der Frauen, die Schleifen mit den Namen der Überlebenden, die auch auf den Kondolenzkarten standen. Die Überlebensbotschaften. Diese Botschaften gingen hinaus in die Welt, hinaus ins All, ins Schwarze, ins schwarze, dunkle Weltall.

Einer der Trauergäste hatte dramaturgisches Talent entwickelt. Er hatte im Dunkeln geschrieben, gewissermaßen ins Dunkle hinein, er hatte eine spontane Trauerrede gehalten, eine Moritat, sich vergangene Situationen ausgedacht, Winkelzüge für die anderen. Kleine Szenen waren entstanden, Fiktionales wurde mit Faktualem vermischt, vorne am Altar, aber die Verknüpfungen folgten nicht immer einer Kausalität. Sobald die Messe zu Ende ist, wird weiter gefoltert.

Wieder kam das Verlangen nach einer Zigarette. Dann fiel mir erneut mein Vater ein, der gemeint hatte, Rauchen hielte mich vom Denken ab. Ich denke eh anders als die anderen, das hat Melanie Kundera auch gesagt. Denken und schreiben. Ich hatte lange nichts mehr geschrieben, ich hatte nach und nach alles weggeworfen. Die alten Gedichte: Ich hatte sie immer mit großer Geste vorgelesen, in Kirchen, in Palästen, in Festsälen, tatsächlich waren sie zart. Mädchenzart. Als Mädchen hatte ich sie geschrieben, als Mädchen vorgetragen, als Vampirmädchen in einem Müllsack in schwarz. Mit großer Geste.


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