Mittwoch, 5. Oktober 2016

5. Oktober

Beginn der Heizperiode.
Stromableser, Künstlersozialkasse, Finanzamt. Behörden, die Geld wollen.
Du kannst dich nicht entscheiden, sagte sie. Ich hatte Glück, sagte ich. Ich habe mein Herz im Koffer vergessen.

Der überklebte Andruck.
Der Boiler surrt wie ein Fön.

Zwei zu schreibende Bücher:
Sophie im Wendland, Kinderbuch. Unter schönen Frauen, Roman.

Eine lange Autofahrt, eine winterliche Nacht auf einem Doppelstockbett in einem Sechsbettzimmer, Lübeck im Februar. Reste von Schnee. Das Meer irgendwo unsichtbar im Hintergrund. Das hatten wir uns anders gedacht. Wir machten Liebe auf diesem Stockbett, oberes Geschoss, etwas seltsam, aber innig und bewegt. Ich dachte bei dem guten Frühstück unten im Café, dass ich einer Verschwörung aufgesessen war. War ich auch. Ahnungslos. Wir fuhren wieder ab, wollten das Meer woanders suchen. Noch ein Foto vom Autor als jungen Mann vor dem Holstentor, mit dem Buch "Der Tod in Venedig" in der Hand, dann los.

Er wollte, dass sie mich verlässt
Ich wollte, dass sie ihn verlässt
Sie wollte, dass er wollte, dass sie ihn verlässt
Sie wollte, dass ich mich verlasse
Ich wollte, dass er sie verlässt

Er, Sie, Es


Macht hat uns noch nie interessiert, sagt der Regieassistent, wir sind der Macht immer ausgewichen, und ich nicke seinen Satz ab, denke aber gleichzeitig: Ja, aus dieser Gedankenwelt komme ich auch, mit diesem Theweleit/Kristl-Zitat im Kopf, »auf dass die Macht den Menschen eines Tages langweilig werde« oder so ähnlich, aber die Wahrheit ist, neben all der Machttheorie, die um diesen Satz eingreifen wollend herum schwebt, dass der Satz so nicht mehr zutrifft, denn natürlich interessiert uns die Macht, hat uns bereits früh interessiert, nur in einer Form negativer Übertragung, also als Macht, die wir spürten, weil wir sie selbst nicht hatten, wofür wir die Macht verachtet haben; wir haben die Macht dafür verachtet, dass sie sich anderswo, bei anderen, von uns aus gesehen minderen Menschen sammelte, falschen Menschen, Menschen mit den falschen Ansichten, auch zur Macht selbst, usw. – Also, die Macht hat uns schon damals interessiert, als Abwesenheit, als Leerstelle, die dann endlich zu füllen war. Das gilt auch für den Regieassistenten selbst: Auch er hat eine Macht, wenn auch eine vergleichsweise kleine, und er hat sie auf welchen Wegen auch immer bekommen, und will sie möglichst behalten, und so möchte auch ich meine Macht bekommen, meinen Raum, der mir zusteht. Der innere Raum, der fehlt. Das erklärt auch die endlose Suche – nicht nur die nach der verlorenen Zeit (meine Finger wollen »verloren« mit F schreiben: »Die Suche nach der ferlorenen Zeit«), sondern nach dem verlorenen, vielleicht nie gehabten Raum. Ein Raum für mich. Ein Raum, der mir gehört. Ein Raum, in dem ich sprechen kann. Ein Raum, dessen Wände mir zuhören. Ein heiliger Raum.


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