Mittwoch, 28. September 2016

Passiertuch

Die schöne Jugend. Das nette Alter.

Räume. Räume betreten, durch Räume geführt werden. Weil man nichts sehen, aber alles hören kann. Schallarchitektur erfahren. Schallstrukturen erkennen, Geräuschmuster den Räumen zuordnen. Und das durch Text spiegeln. Das andere ist, das andere sind: die Sprechorte an sich. Wo kommt überall Sprache raus? Wo kommt sie überhaupt vor? Welche Gerätschaften sind vorhanden, wie strukturieren sie den Raum, und sortieren entsprechend die Besuchenden?

Eine Lesung in einer Buchhandlung, auf spanisch und deutsch. Touristenspanisch. Das nicht weit reicht. Der Gleichklang. Die Differenzen. Die staubigen Bücher, die hier noch nach frischem Plastik riechen. Die ratternde Registrierkasse. Hören Sie das? Was sehen Sie? Wenn Sie die Augen schließen, ist dann alles schwarz? Und ist das ein anderes Schwarz als das, welches sie aus einsamen Nächten auf dem Land kennen? Oder aus abgeschlagenen Hotels? Ich verliere mich. Ich gehe in ein anderes Schwarz.

Hinter Ihnen atmet die schöne Buchhändlerin. Der vorlesende Dichter wirft kein Plektron, sondern seine Markierungszettel in die Menge. Gelbe Post-Its, sie kommen nicht weit.

Gestrichen:

Es war, als ob es kein Morgen gäbe. Ich wollte mich schon gänzlich der Verzweiflung überlassen, da kam Ondine erschöpft von der Tanzfläche zurück. Geröteter Blick, eine Haut wie ein Laken. Sie stellte sich direkt neben mich. Sie atmete schwer und laut, dabei roch sie nach leichtem Schweiß und scharfem Alkohol. Man erzählte sich, diese junge, kreidebleiche Frau habe in der achtzehnten Woche ihrer Schwangerschaft die Liebe ihres Lebens gefunden und das von einem Anderen stammende Kind abgetrieben, aber die Liebe ihres Lebens hatte sie ein halbes Jahr später unwiderruflich verlassen. Jetzt hatte sie diesen schwerfälligen Blick, diese nachlässige Körperhaltung, die Einstellung, es stets darauf ankommen zu lassen, die Hingabe an das weiße Pulver, die kleine Gewalt, an die schmierigen Geschäfte, die hier abliefen.

Was ich gelernt habe. Was ich immer noch lerne. Die einmal Verletzten verletzen.

Die auf dich zu kommende Luft auf dem Flughafen.
Das Glück der Verbindung. Die lässigen Gesten.

Die stillen Dunkelhaarigen, für die ich schon immer eine Schwäche hatte. K. war die erste, damals in der Grundschule, sie war auch die erste mit Brille, ihre war rot und sie schaute mich neugierig an, wenn ich mich ihr näherte, sagte aber nichts, sagte nie etwas. St. war lustigerweise in dasselbe Mädchen verknallt, und statt dass es uns in eine Konkurrenz brachte, schweißte es uns zusammen, wir wurden beste Freunde.

Fomo, Clickbait
Ein Stiefel
und ein Aktenordner, auf dem BÜROSCHLAF steht
 

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