Donnerstag, 15. September 2016

Fasanenplatz

Kampf der Systeme
Ich reibe sie mit Autopolitur ein
Haus für Kommunikationsverweigerung

Haus für Ausschluss
Festival der bedrohten Sprachen
Ich reibe sie mit Autopolitur ein


Jemand hatte mir Fotos von Betten gezeigt. Ich schaute ernst auf meine Socken. Vögel im Fenster. Gegenüber ein weiterer Kirchturm.

"Die Mafia war hinter ihm her, sie muss an seine Lebensversicherung gekommen sein."

Wir fuhren mit heruntergelassenen Fenstern zurück. Was ist die nächste Station? fragte ich. Sollen wir nach Deutschland zurück? Oder nach Madrid? Sie antwortete, das wisse sie nicht. Dann wieder Schweigen. Ich dachte an meine Heimat, an die Redaktion, an diese Frau, die ich vor fünf Jahren geheiratet hatte, und dass mir der Grund dafür lange entfallen war. Ich fühlte mich betrogen, um schöne Stunden, um weitere gute, glückliche Jahre, und hinten raus wurde die Zeit immer weniger, sie verschwand irgendwohin, sie fiel von der Scheibe, die die Erde ist, und alles was Alea und ich noch hatten, war eine kinderlose, in Alltagskonflikten aufgeriebene Ehe, die bereits wesentlich länger währte als nötig. Es war das erste Mal, dachte ich, dass mir eine Rückkehr derartig absurd erschien, und dass ich trotz aller Umstände lieber auf der Insel bleiben würde. Für immer auf der Insel. 


Knausgard, Lieben, die Rede des Geir (S. 635 f.):
"Du darfst nicht vergessen, dass du alles bekommen hast, was du haben wolltest. Du hast dich an allen gerächt, an denen du dich rächen wolltest. Du hast eine Position. Menschen warten darauf, was du tust, und wedeln mit Palmblättern, wenn du dich zeigst. Du kannst einen Artikel über etwas schreiben, was dich gerade beschäftigt, und ein paar Tage später wird er in der Zeitung deiner Wahl erscheinen. Leute rufen dich an und wollen dich hierhin und dorthin einladen. Zeitungen bitten dich, alles Mögliche zu kommentieren. Deine Bücher werden in Deutschland und England erscheinen. Begreifst du, welche Freiheit darin liegt? Begreifst du, welche Möglichkeiten sich in deinem Leben eröffnet haben? Du sprichst von der Sehnsucht, loszulassen und abzustürzen. Würde ich loslassen, bliebe ich einfach an derselben Stelle stehen. Ich stehe ganz unten, auf dem Grund. Keiner interessiert sich für das, was ich schreibe. Keiner interessiert sich für meine Gedanken. Keiner lädt mich irgendwohin ein. Ich bin gezwungen, mich hineinzuzwängen, verstehst du? Wenn ich in einen Raum voller Menschen komme, muss ich mich zu etwas machen. Mich gibt es vorher nicht, wie es dich gibt, ich habe keinen Namen, ich muss alles jedes Mal von Grund auf neu erschaffen. Ich sitze auf dem Grund eines Erdlochs und brülle in ein Megaphon. Es spielt keine Rolle, was ich sage, es hört sowieso keiner hin. Und du weißt, in dem, was ich im Außen sage, liegt eine Kritik dessen, was im Innen ist. Und damit ist man per definitionem rechthaberisch. Ein verbitterter Querulant. All das, während die Jahre vergehen. Ich bin fast vierzig und habe nichts von dem bekommen, was ich haben wollte. Du sagst, es ist brillant und einzigartig, und vielleicht ist es das, aber was nützt mir das? Du hast alles bekommen, was du willst, und daraufhin kannst du darauf verzichten, es liegen lassen, es nicht benutzen. Ich kann das nicht. Ich muss hinein. Mittlerweile habe ich zwanzig Jahre darauf verwendet. Für das Buch, an dem ich im Moment sitze, werde ich noch mindestens drei Jahre brauchen. Ich merke schon jetzt, dass die Umwelt den Glauben daran und damit auch das Interesse daran verliert. Ich werde mehr und mehr zu einem Irren, der sich weigert, sein Irrsinnsprojekt aufzugeben. Alles, was ich sage, wird nun daran gemessen. Als ich etwas kurz nach meiner Doktorarbeit sagte, wurde es daran gemessen, damals war ich im akademischen und intellektuellen Sinne noch lebendig, jetzt bin ich tot. Und je länger das so weitergeht, desto besser muss das nächste Buch werden. Es reicht nicht, dass es ziemlich gut, ganz okay, sehr schön ist, denn mein Zeitverbrauch und mein Alter sind im Verhältnis dazu so hoch, dass es einzigartig sein muss. Aus dieser Perspektive betrachtet bin ich nicht frei. Und um stattdessen an das anzuknüpfen, worüber wir vorhin gesprochen haben, das viktorianische Ideal, das kein Ideal war, sondern eine Praxis, ich meine das Doppelleben. Das ist ja durchaus auch ein Grund zur Trauer, denn ein solches Leben kann niemals ganz werden. Und das ist es doch, wovon alle träumen, von der einen Liebe oder der Liebe zu einem Menschen, wenn alles Zynische und Kalkulierende verschwindet, wenn alles ganz ist. Naja, du weißt schon. Die Romantik. Das Doppelleben ist eine adäquate Lösung für ein Problem, aber es ist nicht unproblematisch (...) Es ist praktisch, provisorisch, pragmatisch, also lebendig. Aber nicht ganz und nicht ideal."


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