Dienstag, 13. September 2016

Der Einfluss der Leerstelle

Die erste, die ich küsste, die mich küsste, war C. Sie war auch die erste, mit der ich ging - zwei Wochen lang oder auch drei. Sie war jünger als ich, die Tochter von Freunden meiner Eltern, wir verbrachten oft die Ferien miteinander (ich erinnere mich an den Mückenstich, den sie Jahre zuvor erleiden musste: auf dem linken Augenlid), und einmal, als sie von den Duschen kam, öffnete sie ihren Bademantel, unter dem sie nichts anhatte. Dabei gab es noch gar nichts zu sehen. Als sie eines Tages ins Allgemeine sagte, Wir lieben uns doch, war eine Grenze überschritten. Denn ich wusste, dass das nicht stimmte. Ich begehrte ihr Begehren, ich mochte es, begehrt zu werden, aber Liebe - nein, das war es nicht. Ich war nicht verliebt in sie, nicht so, wie ich es in K. und P. gewesen war. (Wenn man so will, bildete C. den Anfang einer anderen Reihe - die, in der Liebe und Sex streng voneinander getrennt waren.) Kurz darauf machte ich Schluss, ohne es explizit zu sagen.




Es macht Angst, die Kontrolle zu verlieren. Ich verliere selten die Kontrolle. Ich bin leider arg neurotisch, immer noch, trotz Analyse. Meistens sieht das niemand. Ich bin meistens schon recht froh, wenn ich keine Spuren hinterlasse.

Die Karriere eines Bettgestells. Ich wache auf, weil - Bandsalat. Mir juckt die Nase, mir juckt das ganze Gesicht.

Die Maus ist schon lange tot, aber überall sehe ich Schatten, die vorbeihuschen. Manchmal sind das Insekten, oft sind es Lichtreflexionen, oft ist es auch gar nichts. Es macht Angst, die Kontrolle zu verlieren.



Ich war unter falscher Identität unterwegs. 
Die kreative innere Verwerfung.
Ein heißer Spätsommertag. Morgens begegnet mir eine Frau, die drei kleine Narben hat, die sich über ihren linken Ellenbogen ziehen. Abends sitze ich neben einer Frau, auf deren Oberschenkel sich ein Muttermal gebildet hat, das mich an T., meine erste Freundin, erinnert. Sie hatte auch so ein Muttermal auf dem Oberschenkel. An das ich seit Ewigkeiten nicht mehr gedacht habe. Dieses Muttermal löste gleich ein Verlangen aus, das mich gleichermaßen erstaunte: Wie T. damals auch nur etwas Haut zeigen musste, Haut, die ich ja bereits so gut kannte, dass das Verlangen wie automatisch kam. Und wie stark es war. Stark und automatisch. Am Ende dieser Überlegungen, die natürlich zu nichts führten, entdeckte ich, dass auch sie, meine nicht unmittelbare Sitznachbarin, eine kleine Narbe hatte, die sich über ihren linken Ellenbogen zog.
Ein heißer Spätsommertag, und es fällt auf, wie viel Körperfläche man zu sehen bekommt, Füße, Füße, und jede Menge Tätowierungen. Legitimieren diese das Studieren der Haut? Darf man jetzt auf die Oberschenkel starren, jetzt, da sie verziert sind? Mir fällt das Wort Tintlinge ein: eines der Vorschläge für das Jugendwort des Jahres. Tintlinge allerorten.
Die kreative äußere Verwerfung. Angriff und Manipulation. Machtmissbrauch.
Ich folge einer Frau am Fasanenplatz, unabsichtlich: Wir haben schlichtweg dieselbe Richtung. Irgendwann erkenne ich, dass ich mich verlaufen haben muss. Die Frau verschwindet und taucht wenig später am Ku'damm wieder auf.
FOLLOW YOUR NATURE, steht auf einem Schaufenster.
In der Bahn zurück beobachte ich einen Tintling, eine junge Frau mit Brille, die Strumpfhosen über ihre Zeichen gezogen hat. Ich erkenne sie trotzdem: ein Fisch, der sich in einen alten Mann mit Bart verwandelt (oder umgekehrt). Ein Fischmann. Die junge Frau trägt eine goldene Digitalarmbanduhr.
Neben mir liest ein Mann Anna Seghers' TRANSIT.


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