Freitag, 30. September 2016

Kleine Fahnen

Daddy issues, sagt L., die auf meinem Sofa einschläft.

Vorher habe ich eine Hornisse in meiner Wohnung erschlagen. Eine Hornisse! Im ausgehenden September! In Berlin! In meiner Wohnung! Shit. Schwankte lange zwischen Selbstbewunderung und kindlichen Ängsten.

Und ich weiß schon: Soll man nicht. Sind schützenswert. Tun auch nichts. Usw. Aber erstens habe ich eine Insektenphobie, zweitens: überall, nur nicht in meiner Wohnung, bitte.

Die Jahre des Wahnsinns/ genau vermessen



Kleine Fahnen in der Nähe des Hermannplatzes. Umgeben von Polizei. Eine kleine Demonstration zum Gedenken der Proteste im Gezi Park. In der nächsten Seitenstraße warten noch einmal sechs Wannen. Absurdes Verhältnis. Was soll passieren?

Denke über neue Geschichte nach, Wirtschaftsumfeld. Reine Männerwelt. Die zwei Konkurrenten, die nichts von einander wissen. Hochhauswelt, Hotelzimmer, Foyers, Lobbys. Gibt es Nutten? Gibt es Koks? Dialoge. Titel: "Die Auslosung meines Lebens".

Bruchstückstadt, die Leere in der Mitte, die Leeren, die unmittelbar vom Weltkrieg herrühren. Trauerflächen aus Asphalt, Psychologen rätseln.

Was gibt es zu essen? Ich werde mich von der Imbissbude meiner Wahl überraschen lassen. Ich vergesse einen Geburtstag. Am Abend Besuch einer Lesung in unmittelbarer Nähe.


Absagesätze. "Schaum für immer", Nachwort:

Ich erinnere mich an die Frage der Lektorin: Und was ich denn gedenke, für das Buch zu tun? Ich hatte Ischiasbeschwerden wegen des Buchs, ich hatte mindestens ein Jahr Magenschmerzen wegen des Buchs, aber die richtige Antwort fiel mir natürlich erst später ein: Ich habe es geschrieben! Das habe ich für das Buch getan!

Mir hätte es klar sein sollen, es war mir wie so oft ja auch klar gewesen, von Anfang an. Man sollte doch öfter auf sein sogenanntes Bauchgefühl hören. Das Konzept des Verlegers war dermaßen überzogen, die Erwartungen seitens der beiden Kleinverleger viel zu hoch für mein armes, kleines, aber gutes Buch. Die Covergestaltungsvorschläge waren hanebüchen. Schlichtweg grundhässlich. Aber das waren die vorigen Cover der Reihe ja fast durchgehend gewesen. Der Versuch, dagegen zu reden, wurde mit dem Totschlagargument: "Die Vertreter finden es gut so/anders nicht so gut" niedergebügelt. Die "Vertreter"! Nie auch nur einen von diesen Schwachköpfen gesehen. Es war alles so fürchterlich uncool. Die Covergestaltung, der Klappentext: uncool und gelogen, völlig am Buch vorbei. Die Verlagsvorschauen, wie überhaupt die meisten Vorschauen: schlimm. Zum Fremdschämen.

Aber das war mein Romandebüt, damals 2007. Ich wollte unbedingt belohnt werden, ich wollte unbedingt, dass mein Manuskript zum Buch wird. (Und es hatte ja schon einen Leidensweg hinter sich - ein Großverlag, der zuerst Interesse bis hin zu erster Lektoratsarbeit angezeigt hatte, entschied sich dann doch gegen das Buch; ein Agent tourte danach mehr als ein Jahr lang vergeblich durch die Vorzimmer der Verlage.) Erfahrungen mit dem Literaturbetrieb: Damals gab es immerhin noch manches, was den Schlamassel einigermaßen ausgleichen konnte: Das Senatsstipendium, die Lesungen, der Vorabdruck in Volltext.

Die meisten Besprechungen waren allerdings katastrophal - die einen hatten das Buch nicht verstanden, vermutlich weil sie vom Klappentext auf den Holzweg gesetzt worden waren. Die anderen hatten es allerhöchstens angelesen. Ich weiß, das ist der übliche Vorwurf von Kritik gekränkter Autoren. Aber ich glaube, ich kenne die Schwächen meiner Schreibe - und auch die Schwächen meines Romans. Die Besprechung in der FAZ (immerhin!) war daher eher trostlos, die in der Basler Zeitung leider völlig daneben.

Am Schluss blieb etwas Stolz und sehr viel Ärger, neben ganz schön viel Ernüchterung und Enttäuschung. Auch die sogenannte Szene, in der ich mich zu befinden dachte, scherte sich einen Dreck um das Buch. (Das hat mich vielleicht sogar am meisten gekränkt.)

P.S. Konsequenterweise musste der Verlag ein Buch später Insolvenz anmelden - zu dem Zeitpunkt schuldete er mir immer noch Geld. Futsch für immer.


Donnerstag, 29. September 2016

Er ist ein Gänger

Am Nachmittag sitze ich am Bouleplatz und betrachte die Dreißigjährigen, die mit Schwung ihre Boulekugeln in perfekten Bögen durch die Luft werfen, junge Männer mit Bärten, in lässiger Kleidung, kaum einer raucht, und ihre schönen Freundinnen. Ihr seid alle schön.

Die Luft schimmerte, die Silhouetten wurden undeutlich, die Stimmen klangen verzerrt. Edith hatte das alles organisiert, das Geschäft, diese Veranstaltung, das Kombinat und diesen semilegalen Club, jetzt stand sie neben uns an der Bar und notierte etwas auf einen Bestellzettel. Ihre Telefonnummer, ein Satz, der ihr dazwischen geraten war, eine Anweisung für den Luden, eine Bestellung. Den Zettel steckte sie Valerie zu, die ihn ungelesen in die Rocktasche steckte. Valerie gab mir einen Seitenblick und stand auf, um in irgendeiner Ecke in Ruhe zu telefonieren.



Kontrollwahn
Google-Alarm
Eine Zensur findet nicht statt

Berlin, ein Missverständnis? Oder liegt es an mir? schreibt B. Ich weiß, was sie meint.
Unterstädte.
Eine Künstlichkeit, die sie aufgebaut hat. Manchmal so grell, dass ich mich frage, ob sie will, dass ich sie einreiße. Die Künstlichkeit. Dieses kindliche Giggeln.
Als sie erzählt, dass sich X. von seiner Frau getrennt hat, zwei Kinder, eine Menge Schuldgefühle, und ich frage, wie alt er sei, sagt sie: 37. Echt erst? Und dann schon verheiratet? Mit Kindern? Aber ja, Leute machen das. Sogar noch früher.
Flüchtige Berührungen.
Was die Leute denken. (Angeeignetes Kleinstadtwissen: Es muss einem egal sein.)
Eine Geliebte, die er nicht aufgeben wollte. Die Ehefrau aber auch nicht. Monatelanges Ringen um eine Entscheidung.
L. kommt, um mich zu bekochen. Gestern war schon K. da. Morgen kommt A.
Ich führe Nicht-Beziehungen, das aber ziemlich erfolgreich.


Frische Bücher riechen frisch. Frisches Parkett riecht holzig. Normalerweise läuft hier Dudelmusik aus den Deckenlautsprechern, aus dem Radio. Musik, die den Raum markiert. Medienverbuchung, könnte das heißen, heißt aber anders. In einer Kirche wird »Knocking on Heaven's Door« gesungen. Glauben Sie nicht? Hören Sie mal genau hin. Immer noch nicht? Doch, da hinten, ganz leise. Knock, knock, knocking.

Die Soziologie des Glam.

Stillstand ist nicht so gut, Stillstand bedeutet den Tod, mehr oder weniger. Aber ja, es kann auch Veränderungen hin zum Schlechten geben.


Mittwoch, 28. September 2016

Passiertuch

Die schöne Jugend. Das nette Alter.

Räume. Räume betreten, durch Räume geführt werden. Weil man nichts sehen, aber alles hören kann. Schallarchitektur erfahren. Schallstrukturen erkennen, Geräuschmuster den Räumen zuordnen. Und das durch Text spiegeln. Das andere ist, das andere sind: die Sprechorte an sich. Wo kommt überall Sprache raus? Wo kommt sie überhaupt vor? Welche Gerätschaften sind vorhanden, wie strukturieren sie den Raum, und sortieren entsprechend die Besuchenden?

Eine Lesung in einer Buchhandlung, auf spanisch und deutsch. Touristenspanisch. Das nicht weit reicht. Der Gleichklang. Die Differenzen. Die staubigen Bücher, die hier noch nach frischem Plastik riechen. Die ratternde Registrierkasse. Hören Sie das? Was sehen Sie? Wenn Sie die Augen schließen, ist dann alles schwarz? Und ist das ein anderes Schwarz als das, welches sie aus einsamen Nächten auf dem Land kennen? Oder aus abgeschlagenen Hotels? Ich verliere mich. Ich gehe in ein anderes Schwarz.

Hinter Ihnen atmet die schöne Buchhändlerin. Der vorlesende Dichter wirft kein Plektron, sondern seine Markierungszettel in die Menge. Gelbe Post-Its, sie kommen nicht weit.

Gestrichen:

Es war, als ob es kein Morgen gäbe. Ich wollte mich schon gänzlich der Verzweiflung überlassen, da kam Ondine erschöpft von der Tanzfläche zurück. Geröteter Blick, eine Haut wie ein Laken. Sie stellte sich direkt neben mich. Sie atmete schwer und laut, dabei roch sie nach leichtem Schweiß und scharfem Alkohol. Man erzählte sich, diese junge, kreidebleiche Frau habe in der achtzehnten Woche ihrer Schwangerschaft die Liebe ihres Lebens gefunden und das von einem Anderen stammende Kind abgetrieben, aber die Liebe ihres Lebens hatte sie ein halbes Jahr später unwiderruflich verlassen. Jetzt hatte sie diesen schwerfälligen Blick, diese nachlässige Körperhaltung, die Einstellung, es stets darauf ankommen zu lassen, die Hingabe an das weiße Pulver, die kleine Gewalt, an die schmierigen Geschäfte, die hier abliefen.

Was ich gelernt habe. Was ich immer noch lerne. Die einmal Verletzten verletzen.

Die auf dich zu kommende Luft auf dem Flughafen.
Das Glück der Verbindung. Die lässigen Gesten.

Die stillen Dunkelhaarigen, für die ich schon immer eine Schwäche hatte. K. war die erste, damals in der Grundschule, sie war auch die erste mit Brille, ihre war rot und sie schaute mich neugierig an, wenn ich mich ihr näherte, sagte aber nichts, sagte nie etwas. St. war lustigerweise in dasselbe Mädchen verknallt, und statt dass es uns in eine Konkurrenz brachte, schweißte es uns zusammen, wir wurden beste Freunde.

Fomo, Clickbait
Ein Stiefel
und ein Aktenordner, auf dem BÜROSCHLAF steht
 

Dienstag, 27. September 2016

Die Initiative mit den schnellen Bällen

"Some dance to remember
some dance to forget"

"Eine Mischung aus Begehren und Verachtung. Irgendetwas nicht Reines. Irgendetwas, das immer auf Rache sinnt. Oder das schon das Begehren für Rache hält, so ungefähr, und das genießt und gleichsam wieder verachtet. Eine Spirale."

Opting-out im Rechtsbereich
45 and rising
Wohnen im Modul

Paare in Langzeitbeziehungen. Von außen betrachtet, fragt man sich: Entwickelt sich das auch irgendwie? Oder bleibt es für immer so wie es ist? Nur leicht variiert, nämlich alternd? Immer dasselbe, nur dass es älter wird? Ist Altern hier die einzige Veränderung? Wie bei einem Fahrrad?

Gilt vielleicht auch für Einzelpersonen. Mein Großvater ist in einem Teil meiner Betrachtung immer 65. Als ob er schon immer 65 gewesen wäre, und nie jung. Ich lernte ihn kennen, als er 65 war (stimmt nicht, er war 47, als ich geboren wurde), ich wurde größer und veränderte mich, er blieb, wer, wie und was er war. 65. Ein Rentner mit Diabetis. Als ob er auch nicht älter werden könnte, obwohl er mittlerweile sogar tot ist. Er ist für immer 65.

Die Soziologie des Glams. Glam Slam, thank you mam. Die Suche nach dem Glanz entsprang einer Sehnsucht, die in der Armut entstand. Der Glanz also als Wunsch, aus der Armut zu entkommen. Die Phantasie der Arbeiterklasse, eines Tages groß im Lotto zu gewinnen, so in etwa. (Dies gilt es noch weiter auszuführen.)

Michel Houellebecq, Rede in der FAZ: "Die Prostitution abschaffen heißt, eine der Säulen der sozialen Ordnung abzuschaffen. Das heißt, die Ehe unmöglich zu machen. Ohne die Prostitution, die der Ehe als Korrektiv dient, wird die Ehe untergehen und mit ihr die Familie und die gesamte Gesellschaft."


Vom Gang her kamen Geräusche. Ein Flüstern, das Knacken von Holz, ein Keuchen, ein trockener Husten. Ist der Lärm im Kopf zu groß, wachsen die Geräusche der Umgebung. Man beschwert sich über die Geräusche, meint aber den eigenen Lärm. Den im Kopf. Es gab Hybridautos. Geräuschlose Autos, die durch die Straßen glitten. Aber jetzt plante man, den Autos künstliche Geräusche zu geben. Sounddesigner arbeiteten daran. Damit man sie wieder hören konnte, die Autos, und nicht überfahren wurde. Lächerlich, wenn man bedenkt, dass eh alle mit Ohrstöpseln herumlaufen. Welt draußen halten, Innenwelt nach eigener Auswahl bespielen. Ohren zuhalten, wegrennen. Ich werde von Hybridautos verfolgt. Oder: Hautirritationen? Ich habe da dieses Mittel. Franziska starrte in die Luft. In ihrem Sichtfeld hatte sich ein Kreisel gebildet, ein sich drehender Kreis, während alles um den Kreis herum stehengeblieben war.

Sonntag, 25. September 2016

Medikamente in Geschenkpapier

Oberhemdendienst, Deutungshoheit
Schlafzimmer in Skandinavien

Mein Interesse an Thüringen ist verschwindend gering
Vielleicht sind es die fehlenden Berge

Die Beharrungskräfte am Zeitfensterplatz
Die erhöhte Gefahr durch Einbrecher in der Dunkelheit

Diese Fenster wurden belastet
Von meiner Ex-Freundin, der Kommunistin


Freie Radikale bekämpfen
Kollagenproduktion boosten
Zellkommunikation fördern

Wir, Annalena und Magdalena, sind Schöpfungsjahr 1984

Ein Mitglied der Familie war im Fernsehen zu sehen. Er trug eine formlose Brille, die auf einer sehr auffälligen Nase platziert war; eine Nase mit einem Höcker am oberen Ende. Er stand in Stuttgart vor einer Baustelle und redete als Experte für den Bahnhofsneubau, ich habe ihn nie zuvor gesehen. Auch die Nase machte mich skeptisch. Niemand in der Familie trug so eine Nase. Aber der Name stimmte, es war eindeutig unser Familienname.

Fortsetzung umseitig

Frauen ohne Frauen
Frauen, die offensichtlich keine Freundinnen haben, höchstens die Freundinnen ihrer Freunde. Warum ist das so, was ist das? Stutenbiss, Konkurrenzangst?

He hit me and it fell like a kiss

"Ich hoffe, dir ist klar, dass ich da eines Tages drüber schreiben muss. Jetzt, wo sich der ganze Wahnsinn offenbart hat."
"Sie ist sichtbar darauf aus, scharf gefunden zu werden."
"Schon ihr Style löst bei mir leichte Verachtung aus."

If you need to hurt somebody, please hurt me

Kampfabsage






Freitag, 23. September 2016

Internationale Flughäfen

Der Tee war bitter, die Motorradmusik, die er auf einem der verwaisten Konsolen spielen ließ, klang noch um einiges schrottreifer und stumpfer, als sie es eh schon war. Einzig die kreisrunden Großkonsolen, die M. fasziniert in den Händen hielt, waren ansprechend. Sie dehnten und wölbten sich.

Die Maschine war ebenfalls fast ruhig, die Maschine flüsterte. Ein grüner Turm leuchtete in der Ferne. Frederic und er schauten nach draußen, sahen die moderne Welt, die hellblauen Flugzeuge über den eisgrauen Wolkenkratzern.

Beginn des Einmarschs.
"Das könnten experimentelle Wahrheiten sein, da auf den Schirmen."
"In jedem Fall sollten wir nach internationaler Hilfe rufen."
"Wir müssen vorsichtig sein."


Schon wieder so ein Name. Namen wie Michelle, Ana mit einem N, Alina, Lara, Lena, Laura, Lea. Verschnürt, verschlossen, abgesichert, keine gutaussehende Frau zwischen 26 und 32, die nicht einen Freund hat, mit dem sie auch zusammen lebt. Und niemand trennt sich, wieso auch.

Vielleicht ist Sex auch einfach nicht mehr das große Ding. Nicht mehr das, was er für die Kinder der Revolution vielleicht noch war. Sicher, es gibt immer noch Gegenbewegungen. Diversifizierungen, Polyamorie, neuster Feminismus, etc. Statt Libertinage aber interessiert die Jugend von heute Anpassung, statt für Experimente am eigenen Körper ist sie für soziale Sicherheit. Verständlich auch. Der neoliberale Druck ist zu hoch.

(Das wären jetzt so Thesen.)

Stelle aber auch an mir fest, dass ich nicht mehr viel Lust habe, auf Barhockern zu sitzen und Selbstvergiftungen zu unternehmen, die nicht viel mehr bringen als notwendige und stetig länger werdende Phasen der Regenerierung.

Ich kehre zu den Büchern zurück.



Räumungstitel, Selbstdisziplin und Tango
Die Äquidistanz der kaltherzigen Regierung

Körperliche Unförmigkeit
nach der Einnahme in der kleinen Bar am Friesenplatz

Ein Aufschlag von Leuten hier
kann es ziemlich hart zugehen


Mittwoch, 21. September 2016

Aitona

Ich muss den Dingen wohl ins Auge sehen: Wir entfernen uns voneinander. Kein Wunder bei der halben Welt, die zwischen uns liegt. Die uns trennt. Wir leben uns auseinander, ganz unweigerlich.

Signierstunde. Das Schaubild der Lindenstraße hängt hinten an der Wand. Ein Mann, graue Stoffhose, Socken in Sandalen, spielt auf seinem Handy Solitär. Eine Frau, blond, kniet vor einer Werbetafel nieder, einer Werbung für ein olivgrünes Auto einer französischen Marke unter dem englischen Slogan ATTACK THE FUTURE - so sieht es jedenfalls aus. Auf dem zweiten Blick kniet sie vor ihrer Tasche, in der sie etwas sucht (ihr Handy, vermutlich).

Den Dingen ins Auge: Sie hat künstlich verlängerte Wimpern, die einen leichten Bogen nach oben machen; sie hat sie schwarz getuscht. Ebenso ihre unteren. Jetzt hat sie Augen, die stets wie aufgerissen aussehen - als ob sie knallwach, ständig auf Speed wäre.

Alles ist von Schildern umstellt. Vollgestellt von Schildern. Alles.

Ich mache einen Zeitsprung. Versetze mich in eine Vergangenheit. Reise in die Zeit - eine Rückblende. Sie verstehen schon. Ich denke an etwas, versetze mich in eine Situation aus dem Jahr 1996. Im selben Moment freue ich mich: Da habe ich ja noch geraucht! Also zünde ich mir in dieser Zeitreisenphantasie als erstes eine Zigarette an.
Zeitreisen in die Zeit vor dem Tinnitus; vor dem Bandscheibenvorfall, etc.

- Hast du eine Waffe?
- Nee, natürlich nicht.
- Wer hat eine?

Der Pirat, gelernter Elektriker, bringt sich mittels eines Stromschlags um. Grauslich.

Postkatholiken
versteckte Subventionen
Es brennt auf allen Feldern

Signierstunde. Für einen kurzen Moment stehen sich Schriftsteller und Buchhändler gegenüber.

Frage an den Schriftsteller, warum er immer so viele Frauengeschichten aufschreibt. Warum die ja meist männlichen Protagonisten ständig begehrt werden, ständig Affären haben, Gelegenheiten, ständig von Frauen umgarnt sind. Warum passiert das ständig, in Ihren Geschichten. Antwort: Weil das in der Wirklichkeit ja eben überhaupt nicht so ist.

- Ich bin ein guter Schauspieler.
- Er begreift mein Drama nicht.

Leben als DJ: Platten schleppen, quer durch die Stadt. Man muss viele Platten schleppen, bis der Glanz kommt, sagt Frau F. Ganz viel schleppen, ohne schleppen geht es nicht. Ja, aber, sagt der DJ, die Geschichte kommt bei ihm ganz anders an: immer schleppen, nie Glanz.

Aufschrift in der Sixpack-Toilette, Köln 1996: Immer putzen, kein Dank.

Isso.

Montag, 19. September 2016

Alacant

Wenn wir überhaupt noch etwas über das Nachtleben lesen wollen.
(Bilder: aus Malaga und Ronda, nicht aus Alicante.)

Pierce Brosnan Autogrammstunde 15 Uhr.
"Pierce Brosnan ist tot, Mann!"
"Nein, das ist Pierre Brice!"
"Ah, genau, stimmt."

"Ich bin gesund." Mit diesem Satz ist gemeint: Derzeit kann von keinem Virenbefall, keiner Entzündung, keiner tödlichen Krankheit berichtet werden. Die üblichen Symptome fallen nicht unter diesen Satz.

Obwohl, stimmt gar nicht, bin nämlich leicht erkältet.



Er war so froh, dass er sie los war. Das Gezicke, die ständigen Kämpfe darum, wer Recht hatte, wer sich in den kleinen, alltäglichen Entscheidungen durchsetzen konnte, er war das alles so leid. Die geballten, auf ihn losgelassenen Neurosen, die er immer wieder abwehren musste, und die ihn letztlich immer wieder überraschten, überforderten. Die elenden, langen Telefonate, die eigentlich schon mit dem dritten Satz gescheitert waren, weil sie sich noch gegen die einfachsten Konventionen zur Wehr setzen zu müssen glaubte, als ob die Welt daran krankte, und nicht an etwas völlig anderem (und in ihrem Fall an noch etwas anderem, an etwas, was zunächst nichts mit ihm und ihr zu tun hatte). Konventionen, dachte er, die doch dafür geschaffen worden waren, das Leben miteinander zu vereinfachen, den sozialen Kontakt simpel und somit möglichst konfliktfrei zu halten. Es waren Gesten, gegen die sie aufbegehrte, völlig sinnlos. Wie viel Kraft das kostete! Und nicht nur ihn, sondern sie selbst schließlich auch! Klarheit über Wünsche und Absichten, das war eines seiner Ziele, doch ihre Wünsche wucherten durch den Alltag und verloren sich in unendlichen Verästelungen. Bis er endlich, endlich seinerseits erkannte, dass ihn in der Hauptsache negative Übertragung an sie band. Als er das erkannte, hatte er die Übertragung schon fast überwunden.


M. riskierte einen zweiten Blick auf Frederic, der damit beschäftigt war, dem Kollegen D. etwas Wichtiges auseinanderzusetzen. Etwas über stellare Lagen. Dann begann M., von sich zu erzählen, von seiner Herkunft, über die Zeit, die er in der großen Stadt verbrachte, über die Arbeit für den kommerziellen Nachrichtendienst, Kulturtexte verfassen, Reportagen aus dem Nachtleben, harmlose Nachrichten, das, was er auch vorher in der Provinz gemacht hatte. Dafür erhielt er wieder ein Nicken, einen verzogenen Mund, ein Interesse signalisierendes Leuchten in den schmutzig blauen Augen der Frau, deren Name Anna war, wenn er richtig verstanden hatte.


Samstag, 17. September 2016

Aerdt

Sie laufen durch transparente Röhren, sie laufen an Lupen vorbei
Sie schießen mit Blendgranaten
Sie schlafen in Sechs-Bett-Zimmern auf 20 Quadratmetern

Straßenschlachten abseits der Straßen
Entwicklungsdiktaturen, militärische Landschaften
Die digitale Abwehr kommt nur langsam voran
Solidarität als Praxis, untragbare Zustände, und Bild enthüllt die Gagen

Und oh ja, offenporig
Und oh ja, atmungsaktiv
7-Zonen-Kaltschaummatratze
Von Aitona nach Aerdt



Ich kann keine Absagen mehr sehen. Ich ertrage sie nicht mehr. Ich ertrage es nicht mehr, dass Dinge, Texte, Gesten, die ich anbiete, abgelehnt werden. Ich ertrage Ablehnung nicht mehr. Ich ertrage es nicht, dass man in der Position des Bittstellers steckt und abgewiesen wird. Ich ertrage keine Abweisung mehr. Es muss eine neue Technik her. Es muss eine neue Strategie kommen.

Manchmal reicht schon ein Duft. Ein Frauenduft, ein Duschgel, ein frisch riechendes Deodorant. Und die Luft draußen, die für manche bereits nach Herbst riecht, für mich jedoch nach Sommerurlaub, nach Aufbruch, nach Ferien, nach irgendetwas mit Romantik.

Eine Nacht im Voraus. Ein Ort irgendwo anders.



Müde.

Uh.
Wenn du nach Liebe suchst, folge mir nicht.
Dieses Haus steht unter Arrest.

Grillsicherheit
auf mehr oder weniger ausgedachten Reisen
mit einer imaginären Freundin

Einen imaginären Freund hat man mit circa sechs. Ich hatte auch einen. Oder mehrere. Einer war mein imaginärer Bruder, den ich damals noch nicht hatte, aber er trug schon denselben Namen. Andere waren tatsächliche Klassenkameraden, von denen ich mir vorstellte, dass sie an meiner Seite waren.

Eine imaginäre Freundin hat man mit Anfang dreißig oder so. Man erfindet sie, weil man es leid ist, zu erklären, warum man schon so lange Single ist oder nur Affären hat oder nicht an Beziehungen glaubt oder Liebeskummer hat wegen der die einen verlassen hat. Man muss dann aufpassen, dass man bei den Namen bleibt. Und dass man die Namen mit irgendwelchen Geschichten füllt.

Ich vermisse die Dritte, die eigentlich die Erste war.
Ich war dem, was ich wollte, schon recht nahe. Es war eine verzerrte Version des erwünschten Zustands. Die Zweite und die Dritte, die jetzt die Eine und die Andere waren, waren verzerrte Versionen einer Vierten (nicht: der Ersten), die ganz meinem Typ entsprach. Die rosa Münder, die Hingabe, die Brillen, die Röcke.



Donnerstag, 15. September 2016

Fasanenplatz

Kampf der Systeme
Ich reibe sie mit Autopolitur ein
Haus für Kommunikationsverweigerung

Haus für Ausschluss
Festival der bedrohten Sprachen
Ich reibe sie mit Autopolitur ein


Jemand hatte mir Fotos von Betten gezeigt. Ich schaute ernst auf meine Socken. Vögel im Fenster. Gegenüber ein weiterer Kirchturm.

"Die Mafia war hinter ihm her, sie muss an seine Lebensversicherung gekommen sein."

Wir fuhren mit heruntergelassenen Fenstern zurück. Was ist die nächste Station? fragte ich. Sollen wir nach Deutschland zurück? Oder nach Madrid? Sie antwortete, das wisse sie nicht. Dann wieder Schweigen. Ich dachte an meine Heimat, an die Redaktion, an diese Frau, die ich vor fünf Jahren geheiratet hatte, und dass mir der Grund dafür lange entfallen war. Ich fühlte mich betrogen, um schöne Stunden, um weitere gute, glückliche Jahre, und hinten raus wurde die Zeit immer weniger, sie verschwand irgendwohin, sie fiel von der Scheibe, die die Erde ist, und alles was Alea und ich noch hatten, war eine kinderlose, in Alltagskonflikten aufgeriebene Ehe, die bereits wesentlich länger währte als nötig. Es war das erste Mal, dachte ich, dass mir eine Rückkehr derartig absurd erschien, und dass ich trotz aller Umstände lieber auf der Insel bleiben würde. Für immer auf der Insel. 


Knausgard, Lieben, die Rede des Geir (S. 635 f.):
"Du darfst nicht vergessen, dass du alles bekommen hast, was du haben wolltest. Du hast dich an allen gerächt, an denen du dich rächen wolltest. Du hast eine Position. Menschen warten darauf, was du tust, und wedeln mit Palmblättern, wenn du dich zeigst. Du kannst einen Artikel über etwas schreiben, was dich gerade beschäftigt, und ein paar Tage später wird er in der Zeitung deiner Wahl erscheinen. Leute rufen dich an und wollen dich hierhin und dorthin einladen. Zeitungen bitten dich, alles Mögliche zu kommentieren. Deine Bücher werden in Deutschland und England erscheinen. Begreifst du, welche Freiheit darin liegt? Begreifst du, welche Möglichkeiten sich in deinem Leben eröffnet haben? Du sprichst von der Sehnsucht, loszulassen und abzustürzen. Würde ich loslassen, bliebe ich einfach an derselben Stelle stehen. Ich stehe ganz unten, auf dem Grund. Keiner interessiert sich für das, was ich schreibe. Keiner interessiert sich für meine Gedanken. Keiner lädt mich irgendwohin ein. Ich bin gezwungen, mich hineinzuzwängen, verstehst du? Wenn ich in einen Raum voller Menschen komme, muss ich mich zu etwas machen. Mich gibt es vorher nicht, wie es dich gibt, ich habe keinen Namen, ich muss alles jedes Mal von Grund auf neu erschaffen. Ich sitze auf dem Grund eines Erdlochs und brülle in ein Megaphon. Es spielt keine Rolle, was ich sage, es hört sowieso keiner hin. Und du weißt, in dem, was ich im Außen sage, liegt eine Kritik dessen, was im Innen ist. Und damit ist man per definitionem rechthaberisch. Ein verbitterter Querulant. All das, während die Jahre vergehen. Ich bin fast vierzig und habe nichts von dem bekommen, was ich haben wollte. Du sagst, es ist brillant und einzigartig, und vielleicht ist es das, aber was nützt mir das? Du hast alles bekommen, was du willst, und daraufhin kannst du darauf verzichten, es liegen lassen, es nicht benutzen. Ich kann das nicht. Ich muss hinein. Mittlerweile habe ich zwanzig Jahre darauf verwendet. Für das Buch, an dem ich im Moment sitze, werde ich noch mindestens drei Jahre brauchen. Ich merke schon jetzt, dass die Umwelt den Glauben daran und damit auch das Interesse daran verliert. Ich werde mehr und mehr zu einem Irren, der sich weigert, sein Irrsinnsprojekt aufzugeben. Alles, was ich sage, wird nun daran gemessen. Als ich etwas kurz nach meiner Doktorarbeit sagte, wurde es daran gemessen, damals war ich im akademischen und intellektuellen Sinne noch lebendig, jetzt bin ich tot. Und je länger das so weitergeht, desto besser muss das nächste Buch werden. Es reicht nicht, dass es ziemlich gut, ganz okay, sehr schön ist, denn mein Zeitverbrauch und mein Alter sind im Verhältnis dazu so hoch, dass es einzigartig sein muss. Aus dieser Perspektive betrachtet bin ich nicht frei. Und um stattdessen an das anzuknüpfen, worüber wir vorhin gesprochen haben, das viktorianische Ideal, das kein Ideal war, sondern eine Praxis, ich meine das Doppelleben. Das ist ja durchaus auch ein Grund zur Trauer, denn ein solches Leben kann niemals ganz werden. Und das ist es doch, wovon alle träumen, von der einen Liebe oder der Liebe zu einem Menschen, wenn alles Zynische und Kalkulierende verschwindet, wenn alles ganz ist. Naja, du weißt schon. Die Romantik. Das Doppelleben ist eine adäquate Lösung für ein Problem, aber es ist nicht unproblematisch (...) Es ist praktisch, provisorisch, pragmatisch, also lebendig. Aber nicht ganz und nicht ideal."


Dienstag, 13. September 2016

Der Einfluss der Leerstelle

Die erste, die ich küsste, die mich küsste, war C. Sie war auch die erste, mit der ich ging - zwei Wochen lang oder auch drei. Sie war jünger als ich, die Tochter von Freunden meiner Eltern, wir verbrachten oft die Ferien miteinander (ich erinnere mich an den Mückenstich, den sie Jahre zuvor erleiden musste: auf dem linken Augenlid), und einmal, als sie von den Duschen kam, öffnete sie ihren Bademantel, unter dem sie nichts anhatte. Dabei gab es noch gar nichts zu sehen. Als sie eines Tages ins Allgemeine sagte, Wir lieben uns doch, war eine Grenze überschritten. Denn ich wusste, dass das nicht stimmte. Ich begehrte ihr Begehren, ich mochte es, begehrt zu werden, aber Liebe - nein, das war es nicht. Ich war nicht verliebt in sie, nicht so, wie ich es in K. und P. gewesen war. (Wenn man so will, bildete C. den Anfang einer anderen Reihe - die, in der Liebe und Sex streng voneinander getrennt waren.) Kurz darauf machte ich Schluss, ohne es explizit zu sagen.




Es macht Angst, die Kontrolle zu verlieren. Ich verliere selten die Kontrolle. Ich bin leider arg neurotisch, immer noch, trotz Analyse. Meistens sieht das niemand. Ich bin meistens schon recht froh, wenn ich keine Spuren hinterlasse.

Die Karriere eines Bettgestells. Ich wache auf, weil - Bandsalat. Mir juckt die Nase, mir juckt das ganze Gesicht.

Die Maus ist schon lange tot, aber überall sehe ich Schatten, die vorbeihuschen. Manchmal sind das Insekten, oft sind es Lichtreflexionen, oft ist es auch gar nichts. Es macht Angst, die Kontrolle zu verlieren.



Ich war unter falscher Identität unterwegs. 
Die kreative innere Verwerfung.
Ein heißer Spätsommertag. Morgens begegnet mir eine Frau, die drei kleine Narben hat, die sich über ihren linken Ellenbogen ziehen. Abends sitze ich neben einer Frau, auf deren Oberschenkel sich ein Muttermal gebildet hat, das mich an T., meine erste Freundin, erinnert. Sie hatte auch so ein Muttermal auf dem Oberschenkel. An das ich seit Ewigkeiten nicht mehr gedacht habe. Dieses Muttermal löste gleich ein Verlangen aus, das mich gleichermaßen erstaunte: Wie T. damals auch nur etwas Haut zeigen musste, Haut, die ich ja bereits so gut kannte, dass das Verlangen wie automatisch kam. Und wie stark es war. Stark und automatisch. Am Ende dieser Überlegungen, die natürlich zu nichts führten, entdeckte ich, dass auch sie, meine nicht unmittelbare Sitznachbarin, eine kleine Narbe hatte, die sich über ihren linken Ellenbogen zog.
Ein heißer Spätsommertag, und es fällt auf, wie viel Körperfläche man zu sehen bekommt, Füße, Füße, und jede Menge Tätowierungen. Legitimieren diese das Studieren der Haut? Darf man jetzt auf die Oberschenkel starren, jetzt, da sie verziert sind? Mir fällt das Wort Tintlinge ein: eines der Vorschläge für das Jugendwort des Jahres. Tintlinge allerorten.
Die kreative äußere Verwerfung. Angriff und Manipulation. Machtmissbrauch.
Ich folge einer Frau am Fasanenplatz, unabsichtlich: Wir haben schlichtweg dieselbe Richtung. Irgendwann erkenne ich, dass ich mich verlaufen haben muss. Die Frau verschwindet und taucht wenig später am Ku'damm wieder auf.
FOLLOW YOUR NATURE, steht auf einem Schaufenster.
In der Bahn zurück beobachte ich einen Tintling, eine junge Frau mit Brille, die Strumpfhosen über ihre Zeichen gezogen hat. Ich erkenne sie trotzdem: ein Fisch, der sich in einen alten Mann mit Bart verwandelt (oder umgekehrt). Ein Fischmann. Die junge Frau trägt eine goldene Digitalarmbanduhr.
Neben mir liest ein Mann Anna Seghers' TRANSIT.


Sonntag, 11. September 2016

Angebot von Stimmungen

Zwei Hunde hecheln sich an.

Ein Salon wirbt im Schaufenster mit: "Hochsteckfrisur 30 Euro". Gutes Angebot. Kurz überlegt, reinzugehen.

Bedarfsorientierte Sexualität
Der Einfluss der Leerstelle
Informationskontrolle, Homilie

Du bist die Art Mädchen
die in mein Leben passt

Es ist der 11. September. Ein blau glänzender Tag. Ja, natürlich weiß ich, wo ich damals war.

Vor uns Autos, die aussehen wie Turnschuhe. Das Italienisch, das wir an der Autobahnraststätte hören, regt zu Dauergesang an: Lasciate mi ... Chi non lavora ... Felicità ...

Der Kaffee schmeckt nach Kotze.

Im Schatten des großen Leuchtschilds: AGIP. Im Hintergrund, nur noch knapp zu sehen, die letzten Berge. "Dass es die Alpen gibt, ist ein Problem", aber nicht, wenn man lediglich durchzufahren braucht. Als Kulisse machen sich die Alpen gut.

Lift noch als Limonade, Feuchttücher von 4711, mit Handtüchern und T-Shirts verhängte Seitenfenster, Fleisch in Alufolie. Meine Kindheit war eine glückliche, jedenfalls in diesen Phasen.

Es muss hart sein, sich in einen Schriftsteller verliebt zu haben. Immer darauf warten, ob und wenn ja: wie über einen geschrieben worden ist. Jedes Buch, jede Zeile nach einer versteckten Mitteilung lesen, einer Mitteilung, die nur für mich gemacht worden sein soll. Und dann die Stellen, die unbegreiflich bleiben, die Stellen, die ausufern, die woanders hinströmen, die von anderen Figuren zu handeln scheinen, einfach von anderen, die vielleicht sogar ausgedacht sind. Die Beschreibungen, die treffen, weil sie mich treffen. Die Beschreibungen, die treffen, weil sie mich verfehlen. Die Beschreibungen, die mich treffen, weil sie ganz woanders hin zielen. Immer ist da diese Schrift, diese Arbeit, diese feindliche.

Raymond Queneau, Stilübungen. Auch in der Neuübersetzung haben diese Prosastücke reichlich Staub angesetzt. Vielleicht an drei Stellen gelacht, was nicht schlecht ist für ein über fünfzig Jahre altes Buch. Aber seit damals ist sehr viel passiert. Beste Stelle im Buch tatsächlich die, wo er weitere Vorschläge für "Mögliche Stilübungen" macht. Die hätte ich gern gelesen.

Spiegelungen und der ganze Wahnsinn. Vielleicht doch mal wieder Robbe-Grillet lesen.



Ladeproblem
Akkuwechsel
Glasbruch

Warteschleifenmusik. Warten, dass alles gelb wird.

Ich wurde getapet, jetzt renne ich herum wie Batman, nur das Hirn will wegen der Hitze nicht mit.
Akkupunktur soll ja gut sein. Vielleicht sollte ich mich auch einfach nur glücklich schätzen, 45 recht unbeschwerte Jahre, naja, nicht ganz, aber zumindest unversehrte Jahre, ach nein, auch blöd, vergessen wir es.

Dann sah ich das Schmatz in einem weinroten Sommerkleid.


Freitag, 9. September 2016

Reality Leuchten

Eine Nebelwand, die mich freundlich anschaut
Der Tod der Startseite

Sich ausgeschlossen fühlen
Ich will mein Leben zurück

Ich hatte etwas verstanden: Ich war hungrig gehalten worden. In jedem Sinn.
Die drei magischen Worte: Ich. Will. Nicht.

Das innere Wording.



Ich nahm der Liebsten eine Kassette auf, mit Liedern, die die Vergeblichkeit des Dreiecks thematisierten, in dem wir uns befanden. Lieder über Ehe, über Betrug, über Seitensprung, über den schmollenden Liebhaber, über die Sehnsucht, die Zukunft, die Vernunft. Die Kassette war eine Bombe! Eine Bombe mit doppelter Wirkung! Und sie und ihre Tochter, die ironischerweise wie die Liebhaberin hieß, die ich vor ihrer Mutter hatte, was diese aber nicht wusste, tanzten zu der Musik durch die Wohnung. Sie tanzten zu einer tickenden Zeitbombe!

September 2007:
2.9. FC Magnet, Lombardo. 4.9. Freies Neukölln. 7.9. Lombardo, Bastard. 9.9. Ivw. Magnum 38, Gorgonzola Club. 10.9. The Twang im Lido, Mysliwska. 11.9. Museum. 13.9. Il Teatro Potsdam. 16.9. Café Kreuzberg. 19.9. Café Fleury. 20.9. Caribou, Menomena u.a. im Postbhf. 21.9. Lombardo. 23.9. Bateau Ivre. 25.9. Kaffee Burger. 29.9. Lombardo. 30.9. Kaufbar, Sale e Tabacchi.


Heute hat das Schmatz Geburtstag.

Aber was ist mit Gerald Koll? Da war ich endlich so getriggert, dass ich gespannt auf die nächste Folge warte, und dann kommen keine mehr?

Das Heroin ist aus.
Das Heroin hat keinen Bock mehr.

Immer etwas im Hinterkopf haben.
Ein Zitronengeruch, und irgendein Reim auf Bananen.
Ahnen, Zypressen, vergessen.

Eine Frau mit Gynophobie.
Wie müde ich immer war, und wie viel ich schlafen konnte.

Tiefe Befriedigung im Treppenhaus
Eine Druckwelle, die die Chefin hinwegfegt


Dienstag, 6. September 2016

Dauerstrom

Ein 87-jähriger Drogentoter. Reden wir von dem Schmerz, oder reden wir lieber nicht davon. Es ist auch nichts.

"Sich zu etwas zu zwingen, was man nicht möchte, macht langfristig nur unglücklich", sagt der Ernährungswissenschaftler.

Der Supermarktkassierer fixierte mich, strenge Augen, unter denen ich debil mit Kleingeld hantierte, ich war auch wieder einmal so groß in diesem Supermarktkassenspiegel über mir, vor mir, und dann sah ich meinerseits eine schöne Frau an der gegenüberliegenden Kasse.

Private Farben, eine Katze namens Helmut. Man hat uns zusammen im Supermarkt gesehen, gestern abend. Dabei waren wir schneller als das Licht, Helmut und ich.

Hart sein, verhärtet sein, also: weich werden.
Doof, auch selbst wieder nur eine Modeerscheinung zu sein. (Schriftsteller schreiben über ihre Krankheiten und/oder Neurosen.)
Eine Frau eine Frau sein lassen und sie nicht durch Beschreibung killen.
Eine Leselampe kaufen, ein Reise-Scrabble.
Meine karge Kindheit.

September 2006:
2.9. Ankerklause. 3.9. Dresden Dolls im Magnet Club, Lombardo. 5.9. Kino: Working Man's Death, Vor Wien. 6.9. PK Ballsaal Naunynstraße, Willy Bresch. 7.9. Kinski. 8.9. Lombardo. 11.9. Ankerklause. 12.9. Ivw. 15.9. Felix Kubin im Ballsaal Naunynstraße. 16.9. San Remo, Bateau Ivre. 17.9. Gustav, J. Forrest im B. Naunynstr. Möbel Olfe. 20.9. Psapp u.a. im Maria. 21.9. Berliner Dom, Lombardo. 22.9. Long Blondes im Lido. 23.9. Ivw. Long Blondes. La Rayuela, Mysliwksa. 25.9. tazcafé, Ankerklause, Club 49, Bar 11. 30.9. Café Kreuzberg (U.B.), Ringo.

Ein schwankendes Regal, eine fortschreitende Lustlosigkeit. Fünf Tage Arbeit, angenehm, aber durchaus stressvoll, und die Physiotherapeutin immer noch im Urlaub, gleich geht es dem Nacken und der Schulter wieder schlechter. Das zweite Jahr des Körperklaus.

Wieviele Tage für Krankheit, Unwohlsein, Schmerzen so draufgehen. Gestern sagte ich: Ich bin irgendwann 1996 eingeschlafen, nach meiner Zwischenprüfung in Germanistik, auf der Beerdigung meines Großvaters, und bin im Grunde erst 2006 wieder aufgewacht, aber vielleicht stimmt auch hier die Zeitrechnung nicht.

Im Traum beinahe von einem Tiger angefallen worden, der von seinem Herrchen frei laufen gelassen wurde. (Es war aber kein Tiger, sondern eine Löwin.) ("Sie können doch nicht einfach Ihren Tiger so frei herumlaufen lassen!" - "Der tut nichts, der will nur spielen.") Danach in einer Autobahnraststätte gerastet, irgendwo in "Stán", vielleicht in Bayern auf dem Weg nach Ungarn oder der Tschechischen Republik. Ich saß neben einer Frau, die ich um Auskunft fragte, und der ich zuerst über die Arme strich, was sie gewähren ließ; also strich ich ihr auch über die Beine, über den Bauch, schließlich über die Brüste (was wegen ihres knappen BHs nicht so funktionierte und dann auch ihren Protest hervorrief: Ich sei gerade einem Tiger ausgewichen, sagte ich entschuldigend, das hätte mich wohl mutig gemacht). Daraufhin saß ich plötzlich einem jungen Mann gegenüber, der Anstalten machte, mich mit seinem Tellergericht zu füttern (ich wehrte mich zuerst, nahm aber dann doch an: weiches Fleisch, Gulasch).


Sonntag, 4. September 2016

Verführungsfreiheit

Es gab eine Zeit, da schlief ich wie ein Gott. Wie ein junger Gott schlief ich unter dem Himmelszelt irgendwo im Süden. In Zelten, im Freien, am Strand, in tropischen Nächten. Jetzt schlafe ich in klimatisierten Räumen, in Hotelbetten, auf orthopädischen Matratzen, in weißer, reiner Bettwäsche, und ich schlafe schlecht.

Ich bin stumm. Manchmal kostet es mich viel Mühe, überhaupt irgendetwas zu sagen.
Und sie, sie spricht leise. Sie spricht so leise, dass ich ihr automatisch näher rücke, immer näher kommen muss. Ich rücke ihr auf die Pelle. Nein, es ist sogar so: Ich WILL ihr näherkommen. Ich will nachgerade IN SIE HINEINKRIECHEN.

Sie trägt ein merkwürdiges rosa Oberteil mit Blumenmustern, das mit ihrem altrosa Kopftuch korrespondiert, einem Schlauchtuch, das von einer Schleife gehalten wird. Unter ihrem linken Ärmel wird das Ende einer Tätowierung sichtbar, etwas mit Fischhaut, mit Schuppen, ein Reptil, eine Meerjungfrau, ein Drachen, so etwas. Dunkelblauer Rock, rot lackierte Fingernägel, ein Ring am rechten Ringfinger, der ein Verlobungsring sein könnte. Vor allen Dingen aber das: Sie trägt Chucks. Dunkelblaue Chucks.



"Ich bin stolz darauf, dass ich niemals einen Yogakurs besucht habe. Und täglich freut es mich, kein virtuoser Koch zu sein." (Leif Randt, Schimmernder Dunst über Coby County, S. 57)

Geht mir auch so. Ein Handwerker ist an mir auch nicht verloren gegangen. Obwohl: Solche Dinge, Frühgymnastik, Kochen, Handwerk sollte man in der Schule beigebracht bekommen, statt z.B. Vektorenrechnung - und zwar jede und jeder. Stattdessen wurde schnell in "Akademiker" und "einfaches Volk" unterschieden - sodass Leute mit Magister (gilt nicht für mich) nicht einmal einen Nagel in die Wand bekommen heutzutage.

Gestern wäre ich beim Anblick einer nahezu ausgeräumten Wohnung fast in Tränen ausgebrochen. Dabei war es nicht einmal meine.



Ich wollte aus Rache reich werden.
Es ist mir nicht gelungen.
Ich wollte der Macht ausweichen, aber die Macht war überall, sogar in mir selbst.

Ich wollte sie fragen, ob sie schon mal Analverkehr hatte.
Sex während der Schwangerschaft.

Aber jetzt herrscht wieder Funkstille, für Wochen.



Freitag, 2. September 2016

2 offene blaue Hände

- Gibt es dann da ein Ranking?
- Nein, du levelst. Du kannst viele XPs machen.
- XPs?
- Experimentpunkte.

Wenn der Bus so langsam fährt. Sind die Sätze rein. (Eine Kirche, in der randaliert wird. Die Hunde schlafen. Dann versuchen wir, alles wieder herzurichten, aber die Figuren auf dem Altar kippen immer wieder um.)

Die Hunde schlafen. Sie träumen von Hundekuchen aus Meisterhand.
Hundekuchen aus Meisterhand, die ich in einer meiner Küchen-Aktionswochen serviere.

(B. taucht auf, der kleine Konkurrent. Er hält eine freie Rede, die er dann doch vom Zettel - oder einer Wand abliest.)
 
Außerdem noch:

Eine Wohnung im Wedding mit Postern von Barbra Streisand und Willy Brandt an der Wand.

Ein Harnröhrenfisch, also ein Kleinparasit, das männliche Schwimmer angreift (im Amazonas-Gebiet).
Ein penisförmiges Land irgendwo in Afrika (in einem anderen, vaginaförmigen Land).
Und eine grauzonige Verwendung des Wortes "Fräuleins". Aber doch abgedeckt durch Ironie. Oder Scheinironie. Oder wie auch immer.

Ich musste an einen Zoo denken. Ein Zirpen, ein Knirschen, ein Rufen in einer vibrierend warmen Luft. Ein imaginärer Gegenort, nicht weniger gefährlich. Aber bunt, vorwiegend in grün, mit exotischen Tieren, die ihren eigenen inneren Aufträgen folgen. Papageien, Kakadus, solche Tiere. Und nicht so kleine, verhuschte Wesen, wie wir sie sahen. Wie wir sie im Grunde auch selbst darstellten. Das linke und das rechte Eichhörnchen des Teufels, dachte ich und musste lachen, woraufhin sich Jason unterbrach.

»Ich renne als Fuck-You-Monster hinter ihr her, als laufender Stinkefingerzeig«, sagte er noch.
»Ich verstehe nicht«, antwortete ich.
»Ist auch egal«, machte er.

Gestrichen:

»Fische haben ein sehr kurzes Kurzzeitgedächtnis, nur deswegen können sie überhaupt in diesen kleinen Räumen überleben«, sagte plötzlich eine weibliche Stimme hinter mir. Ich drehte mich eine Spur zu schnell um und blickte in das Gesicht der Dunkelhaarigen aus dem Frühstücksraum. »Sie können keinen Wahnsinn entwickeln.« Ich sah, dass sie die Haare zusammengebunden hatte, und erst dann fiel mir auf, dass sie Deutsch redete, dass sie herausgefunden haben musste, dass ich Deutscher war.»Und vom Meer wissen sie nichts, sie können sich nicht daran erinnern«, sagte sie weiter und näherte sich mit der Nase dem Glas, sodass ich ihr Profil betrachten konnte.
»Da geht es ihnen fast wie mir«, sagte ich.
»Ich bewundere das: diese Fähigkeit, zu vergessen«, sagte sie und sah mich an. Ihre Bluse, das war mir vorher nicht aufgefallen, machte Werbung für einen italienischen Badeort.
»Es ist keine Fähigkeit«, sagte ich. »Es ist ein Genfehler oder, wenn Sie wollen, ein genetisch bedingter Bonus. Eine Eigenschaft, die einfach nicht vorhanden ist.«
»Ist das bei Ihnen auch so?«
»Dass ich vergessen kann? Das ist berufsbedingt«, sagte ich und lachte kurz.