Samstag, 20. August 2016

Natalistische Propaganda

So jung wie heute morgen bin ich jetzt schon nicht mehr.
Parteilose Instrumente.

Die Maschine sah hellgrau aus, sie deckte sich mit dem Himmel, sie trug eine Leuchtschrift an der Seite, die ich aus der Entfernung natürlich nicht lesen konnte. Ich stieg aus dem Taxi und senkte den Blick. Ich betrat die Flughafenhalle und verhielt mich unauffällig. Ich sah ein Szenemädchen, das auf ihrem Koffer saß. Einchecken, Passkontrolle, neue Leuchtschrift, gleichfalls unleserlich. Kurz vor dem Flug suchte ich die Toiletten auf. Stechende Spiegel, unerbittliches Licht, dabei ungut bedudelt werden, Musik für Flughäfen.

Die Mattenleiterin greift persönlich ein.
Aber wo geht dieser Pass hin?

Schon bald meldete sich das Büro wieder, die Redaktion schickte unangemessene E-Mails, bat um sofortige Rückkehr. Im Landhaus wurden letzte Fotos gemacht. Ich hatte die Wörter wiedergefunden, ich schrieb sie schnell nieder, ich hatte nach sensiblen Dokumenten gesucht. Zum Glück meldete die Fluggesellschaft, dass man den Flughafen (Flugzeuge sind eben doch Schiffe, Luftschiffe, weil sie in einem Hafen landen) rechtzeitig wieder schiffbar, wieder flott gemacht hatte, die Wörter sahen schön aus, sie waren schmuck und schimmerten. Dann saß ich wieder in einem Taxi, ich saß im Transit und schaute durchs Seitenfenster dem wackelnden Wald zu, dachte an die einfachen Verhältnisse, aus denen ich kam, und aus denen ich wieder ging. Enteilende Landschaften.


Es war alles, wie es sein sollte. Das Gebäude war ein Funktionsbau aus den achtziger Jahren, durch das hartes künstliches Licht fiel, es gab Deckenfenster, aber die Sonne war zu schwach. Die Menschen unterschieden sich in vier Kategorien. Es gab die Patienten, die Pflegekräfte, die sich in Raum- und Körperpflege unterteilten, und das medizinische Fachpersonal. Alle verhielten sich nach Vorschrift: Die Patienten schlurften durch die Halle, saßen auf den Bänken, warteten auf Termine, wechselten ein paar lose Worte, schoben sich mitsamt ihren Infusionsständern zu den ausgelagerten Raucherecken, strömten allesamt eine Aura von Verderbnis und Verfall aus, von Siechtum und lethaler Inkubation. Sie waren wie Parias, die sich hier versammelt hatten, man wollte sie keinesfalls berühren, auch nur irgendetwas mit ihnen zu tun haben, jedenfalls ich nicht, ich wollte eigentlich nur dringendst hier weg. Die Raumpflegekräfte, meist weiblich, waren mürrisch oder lethargisch, sie wischten den Staub ihrer Existenz aus den Hallen, die medizinischen Pflegekräfte waren aufgeweckter, wirkten betriebsamer, hielten verbalen Kontakt untereinander; das medizinische Fachpersonal war unsichtbar, abwesend, und wenn es wie eine Sternschnuppe doch einmal zu sehen war, verschwand es rasch wieder hinter den Kulissen.

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