Sonntag, 24. Juli 2016

Sorge

ab
Perfekt geeignet für Musik

Avey Tare sitzt entspannt vor einem Bücherregal, im Hintergrund Kinderlärm. Es ginge ihnen gut, und das reflektiert die neue Platte, sagt er. Josh war nicht bereit, sagt er über den fehlenden Vierten der Band.

Am Abend des Münchener Amoklaufs sitzen wir entspannt vor der Lieblingsbar. Rechts von uns wuseln fünf bis sechs junge Frauen um zwei Tische herum, stecken sich Blumen ins Haar, malen sich gegenseitig an. »Noch zwanzig Minuten!«, ruft eine. Schauspielerinnen, vielleicht kurz vor irgendeiner Freiluftprobe, zwei davon kenne ich. Links neben uns sitzt das Paar, das immer mit uns in den Lieblingsetablissements herum sitzt, im Café, vor dem Zeitungshaus, an der Bar. Als das italienische Radio anruft, um A. nach den Ereignissen in seiner Heimatstadt zu befragen, nähert sich eine Frau dem Nebentisch und sagt zur Begrüßung, sie mache sich Sorgen. Sie habe ihre Kinder allein in die Türkei geschickt! Nach Izmir, zur Oma. Aber ja, sie sind heil angekommen. Sorgen macht sie sich trotzdem. Langwaffen, sagt A. auf Italienisch in sein Handy. »Und was meinst du, wer es war?«, hatte mein Vater kurz vorher am Telefon gefragt. »Unsere Leute waren das ja wohl nicht!« Ich frage mich, wer mit »unsere Leute« genau gemeint war. Die Schauspielerinnen sehen leger aus, irgendwie strandbereit, nur eben mit Kriegsbemalung im Gesicht und Gesteck im Haar. »Noch 15 Minuten!«, ruft die Eine. Ein Taxi nähert sich schon mal vorsichtig. Dann kommt ein Akkordeonspieler, den kenne ich auch schon, das ist der, der einem die Töne immer direkt ins Gesicht spielt, bis man etwas Kleingeld rausrückt, lästig wie eine Wespe im Hochsommer. Wir winken ab, A. ist von seinem Telefoninterview zurück. Eine von den Schauspielerinnen stimmt ins Lied mit ein, singt lauthals, die anderen checken das Material: Handy, Schminke, Wasser, Geld, alles bereit? Alles bereit. Junggesellinnenabschied? frage ich den Barkeeper, der die Damen mit Umarmung verabschiedet. Ja, und jetzt geht es weiter zum Festival. Was für ein Festival, wohin? »Nation«, sagen sie nur knapp. Wie treffend, sage ich.


Der Drink wurde vor ihr abgestellt, mit einer müden Bewegung zog sie ihn zu sich, der Barmann drehte sich weg und ordnete frische Strohhalme in einen silbernen Becher, auf seinem Oberarm trug er eine Tätowierung, die wie die Wetterkarte von morgen aussah. Sein weißes, langarmiges Hemd hatte er abgebunden, mit einem schwarzen Tuch, aber wie er ein Junkie sah er eigentlich nicht aus. Die Frau sah mich unvermittelt an. »Haben Sie Kinder?«, begann sie.
»Äh, nein«, sagte ich.
»Warum nicht?«, fragte sie mit gedämpftem Interesse, während sie sich langsam wieder nach vorne drehte.
»Zuerst fühlte ich mich nicht erwachsen genug, dann fehlte die Gelegenheit, und außerdem konnte ich noch nie wirklich einen Sinn darin erkennen«, sagte ich.
»Das ist schade«, fand sie und widmete sich wieder ihrem Drink.
»Nicht wirklich«, antwortete ich. »Ich selbst habe nur sekundäre Probleme damit. Zum Beispiel, wenn ich Frauen kennen lernen möchte. Ab einem bestimmten Alter ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass man es mit offenen oder verdeckten Kinderwünschen zu tun bekommt. Das macht die Angelegenheit recht schwierig.«
»Das kann ich mir vorstellen«, fand sie, und das war auch beinah der Abschluss des Gesprächs. Vielleicht war sie auf der Suche nach einem potenten Ernährer und ich nur eine weitere potenzielle Enttäuschung.

Vielleicht das vorerst letzte Gedicht: 

Waldemarstraße 39  


Baulückentourismus, fallende Farben 
Kräne, die um die Häuser ziehen 
Teer noch ganz lakritzig und warm 

Ausgefegte Augen, gestürzte Apotheken 
Ein sensibles Mitglied von Al Qaida 
und ein Zeichensalat, der serviert wird 

Ein See von Trübsal, ein unterirdischer See 
mit blümeranten Blasen, die aufsteigen 
und das Leben unleidlich machen

Weltverhütung, Neidkarte, Gefühlstennis
und das alte Hütchenspiel auch, irgendwie
kämpft in mir eine Untergrundarmee 

Wenn die Tage lang und frauenarm sind 
und das Programm heißt Wünsch dir nichts
Lass dich von Geigen sanft bestreichen

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