Montag, 4. Juli 2016

Mutter in Schtrumpfhosen

Die Sendung wurde in das Zustellfahrzeug geladen.

Ein mürrischer Aushilfspostbote, der vor sich hingrummelt, weil ich ihm den Weg zum Hauseingang versperre, unfreiwillig. Er drückt auf mehrere Klingeln, niemand öffnet. Kein Wunder, da sich der Öffnungsmechanismus sperrt, wenn zu viele Klingeln auf einmal gedrückt werden.

Ein Mensch mit Fetischmanieren. Keine nächtlichen Anrufe.

Sie führte das Leben einer Mutter, das Leben einer Sklavin ihrer beiden Söhne, das eingezwängte Leben einer Frau, deren Exmann nicht viel Zeit findet, sich ebenso um die gemeinsamen Kinder zu kümmern. Sie nahm es klaglos hin.

Interessanterweise freute sie sich auf Vorhaben an den freien Wochenenden. Sie freute sich auf das Zelten am See. Sie freute sich auf den Irving-Roman, den sie im Liegestuhl zu lesen beabsichtigte, während ihre Söhne mit dem aufblasbaren Gummiboot im See planschen würden. Sie freute sich.




Sie um die Hüfte fassen, das wollte ich. Sie fassen, als ob ich sie zur Tanzfläche führte. 77 Jungfrauen, darum ging es doch, den Terroristen jetzt, hier hingegen ging es darum, 77 Jungfrauen im Diesseits zu bekommen, und das Beste war, dass es gar keine Jungfrauen sein mussten, denn Jungfrauen hatten keine Erfahrung, keine Ahnung, und auch die Zahl 77 war deutlich überzogen, eine viel zu hohe Anzahl, 52 reichten doch auch. 52 Frauen im Diesseits. Das würde reichen als Religion. Sie lachte über irgendetwas, ich ließ mich zurücksinken, eigentlich lag ich die meiste Zeit. Ich lag, um den Nacken zu schonen.

Es war die Zeit nach den Anschlägen auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt. Die Welt schien in Schockstarre, nein, das stimmte nicht. Die Welt drehte ab. Sie drehte in noch größerer Geschwindigkeit als ohnehin. Sie drehte frei. Die Welt bekundete sich. Die Welt wollte sich solidarisch zeigen, jedenfalls die Hälfte der Welt, die das betraf, die andere Hälfte schwieg sich aus. Um sich solidarisch zu zeigen, statete man, dass man ebenso betroffen war wie die echten Opfer. Man war nicht wie, man war dasselbe, man war Charlie Hebdo. Es war erstaunlich, wer alles Charlie Hebdo war. Marine Le Pen war Charlie Hebdo, die Springer-Presse war Charlie Hebdo, die ganze Medienwelt war Charlie Hebdo. Du warst es, ich war es, wir alle waren es. Und Charlie Hebdo selbst, ließ man aus der französischen Formel »Je suis Charlie« ein i weg, war Jesus.

Draußen vor dem Sender fuhr die Polizei vor. Eine kleine Wanne parkte vor der Anstalt, ein Kastenwagen der Polizei, niemand stieg aus, aber wenig später stand ein Polizist mit Maschinengewehr im Anschlag vor den Fenstern des Entrees im Erdgeschoss, während hier drinnen das Motto galt: "Weiter so".




Aber es ist selten, dass dieses Begehren auf Gegenseitigkeit beruht, ich hatte das unerwünschte Begehren der Gegenseite oft genug mit Verachtung gestraft, bis ich im Laufe der Zeit dazu überging, mir einen Körperzoll zu holen, das mir angetragene Begehren also sexuell auszunutzen, um das Soll auf meinem Konto zumindest sexuell wieder auszugleichen. Also durchlebte ich die Imitation von Liebe für eine Nacht, bis ich wieder in die eigene Wirklichkeit zurückkehrte, und sich vielleicht noch weitere Nächte anschlossen, das Problem war nur, dass auch dieses Konzept selten auf Gegenseitigkeit beruhte, denn die Imitation wurde von der Gegenseite nur allzu oft für die Wirklichkeit gehalten, logisch, denn die Gegenseite war ja von einem ganz anderen Begehren aus gestartet, und irgendwann musste ich für diese sich verfehlende Wirklichkeiten bezahlen, und sei es mit Problemgesprächen, Schlussgesprächen, kalten Abweisungen, oder, im schlimmsten Fall, damit, einen Fall von Stalking produziert zu haben, wenn auch unfreiwillig.


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