Montag, 18. Juli 2016

In loco parentis

Angst vor Behinderten, Angst vor Kranken. Ansteckungsangst. Abgrundangst. Nicht vorhanden: Angst vor Alten.

Merkwürdige Anrufe kommen. Rätsel.
Bilderrätsel. Vielleicht sollte sie auch in Nacktkunst machen.

Eva Luna
Eva Luation

"Nach 16 gemeinsamen Jahren ist uns dieser Schritt nicht leicht gefallen."

Andererseits: die unverhohlene Ablehnung.

"Das Familienleben ist kindisch, heute mehr denn je, weil das Ethos hauptsächlich durch die Kinder geschaffen wird. Wenn keine Kinder da sind, ist es noch schlimmer. Weil dann der kindische Erwachsene das Kind ersetzt. Das Leben in einer Zweierbeziehung, das Leben in einer Familie bringt in allen Beteiligten alles hervor, was kindisch ist. Warum müssen sie Nacht für Nacht im selben Bett schlafen? Warum müssen sie fünfmal am Tag miteinander telefonieren? Warum sind sie immer zusammen?" (Philip Roth, Das sterbende Tier)

Thomas Struth im Martin Gropius Bau: schön.

Weiter mit Gedichten:
"Ankunft der Wartenden", neueren Datums, zahllose Überarbeitungen. Neue Version:

Ankunft der Wartenden


Ein Tag fängt an, wenn ein anderer aufhört
Was hatte uns hergebracht, eine
rasende Unzufriedenheit oder Tendenzen

einer Form, in der herumzuschiffen
je nach Segel eine Kunst für sich war
Ein unhaltbarer Wunsch, natürlich

situiert sich dieser Text in einer Bar
mit dem Verschieben von Glas
dem Anfunken der Wirtschaft

die immer ein offenes Auge hat
auf die biografischen Sollbruchstellen
auf das Blau in den Baumkronen, auf

die harten Magensäfte, bei Geburt
erloschene Karrieren, ein lediges
Pferd vor der Tür, schöne Fremdsprachen

an den Nebentischen. Die Krise
fängt da an, wo du aufhörst
im Geiste mit Waffen zu hantieren, ja

danke schön.



Lebenswerk. Der Kollege wird 60, es wird gesammelt, man schenkt ihm was. Glückwunschkarte, Unterschrift. Die Zipperlein nehmen zu, sagt er, mit dem Alter, und Midlifekrise bedeutet, dass man sich von seiner Jugend (und der der anderen) verabschieden müsse, das fiele schwer. Ich höre die junge Kollegin über Pokémon Go reden, über Harry Potter damals, ich rede vom Kate-Bush-Flashmob auf dem Tempelhofer Feld und merke, dass sie keine Ahnung hat, wer Kate Bush ist. Der ältere Kollege rechnet in Weltmeisterschaften, die erste, an die er sich bewusst erinnern kann, war Chile 1962, meine lautet Argentinien 1978, da aber auch erst das Endspiel, Argentinien gegen Holland 3:1 n.V., super Spiel.

Abends schaue ich zuerst "Zurück in die Zukunft", den ersten Teil von 1985, in dem dreißig Jahre zurückgereist wird, ins Jahr 1955, es gibt eine knappe Zeitverschiebung, 1985 wurde ich vierzehn, was jetzt dreißig Jahre her ist, 2015 aber hatte ich keine Kinder, schon gar nicht mit der ersten Freundin, die ich 1985 auch noch gar nicht hatte, aber ich bin ja auch nicht Michael J. Fox. (Oft übersehene Aussage des Films: Man kann doch alles schaffen, was man will, man braucht nur Selbstvertrauen und eine Zeitmaschine, mit der man zurückliegende Konflikte so löst, dass man das daraus neu gewonnene Selbstvertrauen aus der Vergangenheit in die Zukunft trägt.)

Anschließend läuft die Hornby-Verfilmung "A Long Way Down", vier Selbstmordkandidaten treffen sich auf einem Hochhausdach und beschließen mehr oder weniger unfreiwillig, sich fortan zusammenzutun, der Film leidet an zu häufigem Musikeinsatz und Plotschwächen, Klischees, Unrealismen, bis er endlich etwas entwickeln kann, irgendetwas, das auch Angst macht, Aussage: Man braucht Zusammenhalt, Liebe, Aufmerksamkeit und Akzeptanz, man braucht ein kleines soziales System, so zufällig und zusammengewürfelt es auch sein mag, dann schafft man es schon.

Schließlich lese ich den verstörenden Roth-Roman zu Ende, "Das sterbende Tier", auch dort geht es um Liebe, Sex und den Tod, es ist aber alles nicht so einfach, der Protagonist, älterer Mann, scheut seit langem Bindungen, hat aber eine junge Geliebte, die ihn schließlich in die Neurose schickt, vielleicht auch, weil er ihre Zeichen falsch liest, oder das Zeichen, das sie selbst ist; auch wird nicht klar, was an seiner vorher gescheiterten Ehe jetzt so schlimm war, dass er in ein ewiges Junggesellenleben ausbrechen musste, etc., darüber gäbe es vieles zu schreiben, am Ende eröffnet ihm die jetzt Ex-Geliebte, das sie an Brustkrebs leide, es sterben einfach zu viele gerade, und eine zweite Stimme sagt ihm: Nein, kümmere dich nicht um sie, es wäre dein Untergang.

Am Ende liege ich noch lange wach, seltsame Symptome, komische Wehwehchen, Angst vor dem Kranksein, Angst vor dem Sterben, Angst vor dem Tod.


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