Dienstag, 26. Juli 2016

Es sind verlandete Seen

Ich höre einen Marienkäfer.
In der Nacht auf Montag kreist ein Hubschrauber über dem Viertel. Erst um zwölf, dann später noch einmal um drei.
Es ist heiß, der französische Balkon steht offen.
Die Sorgentelefone sind nicht mehr freigeschaltet.

Geweint, als "Oh Carol" von Neil Sedaka lief. Ich saß bei ihr in der Küche. Ich saß dumpf in ihrer Küche, während sie irgendetwas anrichtete. Sie führte ein Kleid vor, das mir gefiel. Sie hatte etwas schwere Beine, aber sie gefiel mir. Ich saß dumpf in der Küche und wusste nicht, was ich sagen sollte. Ein Schweigen hatte uns befallen, wie so oft. Warum war es mir nicht möglich gewesen, die Distanz zwischen uns aufzulösen? Sex war hier, das war zu spüren, irgendwie nicht die Lösung. Die Distanz blieb.

Jason redete von hängenden Gärten. Ich weiß nicht, warum, aber jetzt erzählte er von seiner ersten Freundin, oder Partnerin, wie er sich ausdrückte, und er meinte nicht die Haushälterin, mit der er seit inzwischen zwei Jahren zusammenlebte, sondern eine, die sich nicht von einer Partnerbörse vermitteln ließ, eine, die er auf die altmodische Art kennen gelernt hatte. Ihr Name war Emine. Er hatte sie später geheiratet, ich erinnerte mich. Sie stammte aus derselben Schicht, denselben sozialen Hintergründen wie er, mit dem Unterschied, dass sie immer noch ganz Teil ihres Hintergrunds war. Keinerlei Spuren von Desidentifikation, von Distanz, von Differenz, von Widerstand. Sie war eins mit sich und ihrer Herkunft. Etwas, das Jason nicht verstehen konnte. Sein Bemühen war stets gewesen, sich von seiner Familie zu lösen.

Er bekam einen leeren Blick, während er seine Flasche rührte und die umher schwappende Flüssigkeit betrachtete. »Alle haben so türkische Sprechblasen von sich gegeben«, sagte er. Hängende Gärten, dort hatte er sie das erste Mal gesehen, ihren Umriss taxiert, auf die holzfarbene Haut ihrer Unterarme gestarrt.

»Ein großer, schattiger Garten, keine Ahnung, was da für Pflanzen drapiert waren, Trauerweiden vielleicht, ich stelle mir hängende Gärten immer mit Trauerweiden vor. Jedenfalls stand sie da und bediente sich von einem dieser Plastiktische, Schüsseln mit Grünzeug, Tee in Karaffen, drehte sich halb um und lächelte mich entwaffnend an. Entwaffnend, das ist der völlig richtige Ausdruck.«





Damit das auch noch mal klar ist:
"Es liegt in der Natur des Massentouristen, dass er gerade das Unberührte, das er erschließen und berühren will, vernichtend berührt. Man drängt sich einem Fleckchen Erde auf, das, abgesehen von den finanziellen Einnahmen, unbedrängt und ohne einen nicht nur besser dran, sondern auch authentischer wäre. In Auto- und Menschenschlangen, mit jeder neuen Transaktion im großen Ausverkauf sieht man sich mehr in einer Funktion, die so unausweichlich wie schmerzlich ist: Als Tourist mag man ökonomisch bedeutsam sein, doch aus existenzieller Sicht verwandelt man sich in eine widerwärtige Schmeißfliege auf einem Kadaver."
D.F. Wallace, Am Beispiel des Hummers


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