Sonntag, 10. Juli 2016

Berührungstrieb

Als Pause war, die Kolleginnen und Kollegen sich zu Tische begaben, um sich eine Instantmahlzeit reinzuschieben, zog sich M. zurück und suchte die Örtlichkeiten auf. Weiße, eckige Kabinen mit Holzwänden, plätscherndes Leitungswasser, milchige Spiegel, Licht aus Digitallampen, die Abwesenheit von Monitoren, und da saß er auf der Schüssel und gab sich dem Moment hin, als ein einzelnes Auge in der Wand erschien. Ein Auge in der Wand, das gierig guckte. M. schreckte auf, schrie "Hey!" und schlug mit der flachen Hand gegen das Loch. Das Auge wich zurück, und M. zog sich in aller Eile die Hose wieder hoch, und spülte, und dann blieb nur die Flucht aus geschlossenen Räumen, die Flucht aus dieser Kabine, er wusch sich nicht einmal die Hände, er kehrte nur zusehends in den Aufnahmeraum zurück, wo ihn D. und der Prinz fragend anschauten, weil er so verstört aussah, als ob er dem Geist seiner verstorbenen Großmutter nackt auf dem Skelett eines Pferds begegnet wäre, aber M. winkte nur ab und eilte an seinen Platz, wo er darauf wartete, dass er sich beruhigte, während er überlegte, Meldung zu machen, oder doch schnell zu erzählen, was passiert war, aber die Worte wollten nicht raus, sie formierten sich nicht zu Gefügen, äh, also, ja, zu Sätzen zusammen, und so saß er einfach nur stumpf da und sah vor sich hin und dann wieder auf die Hologramme und sagte nichts.


Aber nach einer Zeit, in der die kontrollierte Stille der Arbeit herrschte, und die Punkte der Imagination über die Bildschirme flirrten, kamen ihm die abgebildeten Gesichter plötzlich verschoben vor. Es war, als verzerrten sie sich. Eine rothaarige Frau, die als Sängerin und Partnerin eines Radfahrers bekannt war, lächelte aus dem Bild, das Bild verzog sich, das Lächeln verbog sich, und das gewöhnliche Gesicht dieser Frau wurde zu einer Fratze. M. schaute entsetzt auf, Fabia Schmidt schickte ein Fragezeichen, die anderen waren damit beschäftigt, andere Bilder zu kontrollieren, und M. starrte wieder gebannt auf seinen Monitor, und dachte, am besten, ich rühre mich nicht, am besten, ich melde nichts, sonst werde ich mich noch blamieren, ich bin einfach ein wenig erhitzt, und am Ende ist das einer von diesen Wiederholungsschüben, von denen in den Lehrbüchern die Rede war, ein Wiederholungsmoment, der sich anfühlte wie Hitze, oder ein ungewöhnlicher Kreislaufabfall, oder eine Verschleierung, aber zwei Dinge waren urplötzlich klar, nämlich, dass erstens dieses Lächeln auf dem Bildschirm das Grinsen des Bösen war, das verflixte Grinsen des Teufels, diese Radfahrergeliebte nichts anderes als Luzifers Tochter persönlich, allein, wie sich dieses Rot verzog, ihr fürchterlich geschminkter, grinsender Mund, und zweitens (was war erstens?) traf es das Wort Säure überhaupt nicht, nichts war sauer, nichts wurde aufgefressen, weggeätzt, es war eher so, dass sich alles in die Breite zog, überdeutlich klar wurde, kristallklar. Er schwitzte fürchterlich, und das würde bestimmt jemand bemerken, also schnell in den Umkleideraum, auf die Pritsche legen, einen Stöpsel im Ohr, ein Handtuch übers Gesicht, und atmen, ein und aus, bis die Wirkung nachlässt.

Tanzen? Nein, aufgehört.

Werden wir jemals wieder die Sonne sehen? Oder werden diese grauen Tage ewig dauern? Werden unsere Seelen je wieder geheilt, unsere deformierten Körper je wieder in Einklang und Proportion zu sehen sein? Werden wir uns jemals wieder ausstrecken können auf einer sattgrünen Wiese und im Schatten des Reichstags Fußball spielen?

Nichts geht ohne Eltern, selbst Politik nicht. Man muss dabei nicht einmal an Begriffe wie Ziehsöhne oder Mutti denken. In Österreich beispielsweise sind die Sozial- und die Christdemokraten für den gemeinen Kleinbürger die Altvorderen, die Großkopferten, die Eltern. Will man da protestieren, muss man Grün wählen oder die fast verschwundene KPÖ, oder eben rechts.

Es blühen die Widersprüche.

Oder, um abschließend mit einer Werbung für eine Wundheilsalbe zu sprechen: Wunden brauchen Liebe.


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