Donnerstag, 14. Juli 2016

Angst & Zucker

Der Platz lag wie ausgestorben da. Ein hellgrauer Platz ohne Tauben, ohne Passanten, ohne Touristen. Eine Luft wie zum Schießen, die Farben noch grau und dunkel, die Luft kühl, die Geräusche weit und hallend. Er hielt inne, um zu der vor Jahren ausgebrannten Kathedrale hinaufzuschauen, ein Monument einer anderen Zeit. Es brauchte Jahrhunderte, um sie zu errichten, es brauchte arbeitswillige Sklaven, es brauchte irre Behörden und eine Fremdherrschaft und eine gut gefüllte Staatskasse, um sie endlich fertig zu bauen. Auch irgendwie tröstlich. Eine schwere, vom Brand fast schwarze Ruine, von der der tröstliche Gedanke an die Relativität der Zeit ausging. Die Kathedrale würde auch morgen noch da stehen, im nächsten Jahr, im nächsten Jahrzehnt, in einem Jahrhundert, wie ewiger Stein, aber die irren Behörden würden sie weiter verfallen lassen.


Der Himmel hinter den Türmen der Kathedrale klarte allmählich auf. Auf dem Platz hinter dem Platz, vor dem Stadthotel, standen grau gekleidete Reaktionäre und beobachteten das frühmorgendliche Geschehen, das einzig aus M. bestand, der seinen Weg zum Sender fortsetzte, mit den Händen in den Hosentaschen, ein Fußmarsch am beflaggten Stadthotel vorbei, das nur ein ehemaliges war, Flaggen der Vergangenheit. Er sah die Reaktionäre, die an ihrer einheitlich grauen Funktionskleidung zu erkennen waren, an ihren altmodischen Kurzhaarschnittfrisuren, an der schneidigen Atmosphäre, die ihre bloße Anwesenheit verbreitete, und sie sahen ihn. Die Atmosphäre verdichtete sich in eine Mischung aus Verstrahlung und Bedrohung. Die Trauer der Radioaktivität und das Einsetzen von Angst. Denn in diesem Moment wurde klar, dass sie ihn als einen von der Gegenseite, als Feind, als einen von der Seite der Aufklärung erkannten: ein Medienarbeiter auf dem Weg zur Arbeit. Aber sie rührten sich nicht. Sie schauten nur.



M. überquerte den Platz im größtmöglichen Abstand zu ihnen, duckte sich unter den gegenüberliegenden Funktionsbauten, den neutralen Gebäuden, ein kurzer Blick in den drohnenfreien Himmel, ein paar Wölkchen lösten sich in Luft auf, ansonsten nur glücklich strahlendes Ozon. Fünf oder sechs Männer mit ausdruckslosen Gesichtern, sie rauchten nicht, natürlich nicht. Sie hatten ihre Gespräche vorübergehend eingestellt. Sie standen lose zueinander, als ob sie eine Pause von einem Plan machten, sie würden sich seinen Weg merken. Die Angst wurde sichtbar, jeder gemeine Hund hätte ihn längst angefallen. Er achtete auf seine Schritte, während der graue Betonboden nachgab, der Stein federte, und hatte nichts im Bewusstsein außer dem Bewusstsein, dass selten etwas so klar war diese bedrohliche Atmosphäre. Irgendwann, Dezennien später, hatte er die Strecke bewältigt, hatte er sie hinter sich gelassen, und die Pforten der Wahrnehmung standen empfangsbereit, zwei automatische Plexiglastüren, die ihn ebenfalls schnell erfasst hatten als einer von ihnen, als Angehörigen der Gemeinde, als Arbeiter der Aufklärung, als Mitarbeiter im Ministerium für Information. Sie öffneten sich wie selbstverständlich.


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