Mittwoch, 15. Juni 2016

Verzeihflung

Am Nebentisch sah ich jemanden eine druckfrische Neuausgabe der »Geschichten vom Herrn Keuner« aus einer weißen Plastiktüte kramen. Ein junger, kleinwüchsiger Mann mit dunklen Haaren im altmodischen Bürstenschnitt. Er trug ein anthrazitfarbenes Hemd, das ihm etwas zu groß schien und in dem er wie ein Heiratsschwindler aussah. Der Halbfinalist im Turnier der Unsympathen. Aufgeregt blätterte er in dem Backsteinbuch herum, stand auf und zeigte einem Bekannten, der an einem anderen Tisch vor sich hin tippte, eine bestimmte Stelle. Der Bekannte, ein blonder Sitzriese mit Füßen, die bis zum Ausgang reichten, schaute kaum von seinem Klapprechner auf.

Weiter anwesend: zwei schwäbische Lesbierinnen, zwei junge Hippie-Frauen, eine blasierte Kuh aus der oberen Mittelschicht und ihr unscheinbarer Freund. Die Bedienung mit einem mausgrauen Rock über der schwarzen Jeans. Nichts für meine pornogestählten Augen. Die CD sprang, die Bedienung stellte sie ab, suchte nach einer neuen.

Ich mochte das Cover. Der Sänger der Kings of Convenience, einer norwegischen Band, die der Richtung »Quiet is the New Loud« (so heißt auch die CD) zugerechnet wurden, hieß Erlend Øye. Auf dem Cover trägt er ein verwaschenes blaues Hemd, darunter ein T-Shirt. Auf der Nase eine große, eckige Brille, ein hellbraunes Gestell vermutlich aus den frühen achtziger Jahren, das gut zu seiner Haarfarbe passte. Augenlider viertelgeschlossen, ein unmerkliches Grinsen, das leichte Überlegenheit signalisiert. Sein Compagnon Eirik Glambek Bøe sitzt knapp dahinter und liebkost seine dunkelrothaarige Freundin, die ein nacktes Bein zeigt.

Ein gelungenes Dreieck.

Power Mist
Historical Slamming

"Wenn dir Leute erzählen, sie hätten sich ein Haus gekauft, können sie dir ebensogut mitteilen, sie besäßen keine Persönlichkeit mehr."
Douglas Coupland, Generation X

Butterfarbene Affenhitze, glutheiß
Vera alles besser, wenn

Ein neues Gedicht, von dem ich noch nicht weiß, ob es so geht.

Unsex


Heimliche Umzüge nach Dresden, nach Pankow.
Es ist nicht das weiße Kaninchen, es ist etwas anderes

Ein Geruch nach Milch in den eigenen Eierschalenwänden
Eine schwarze Katze mit Namen Minerva, die um uns herumstreicht

Eine Stadt, die an einem Tag gebaut wurde, ein Orgasmus
der eine Nation erschüttert, eine Kälte, die uns noch unbeweglicher macht.

Stundenweise sind wir offline, poröse Gesichter, abblätternde Haut
Man braucht ein Gegenüber, das stimmt, aber warum

solltest du das sein, Frage der Bezahlung, eine Frage von Zeit.
Ich habe das Gleiten verlernt, ich bin nicht so der Schnee-Typ

Draußen weht ein unmöglicher Wind, alles ist wie immer etwas schief
Und die mit den Degenschwänzen haben auch nicht mehr Sperma.

Die beständigen Verhältnisse, die Politik des leeren Stuhls, das Warten
auf kein Ergebnis, ich muss mich nach oben schreiben.


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