Donnerstag, 30. Juni 2016

Schwall

Vater schrieb:

Meine Mutter war und ist sehr eigensinnig, hinterlistig, herrschsüchtig und eine exzellente Schauspielerin.

Um ihren Willen durchzusetzen, schreckte sie vor nichts zurück, sie war hemmungslos. Wenn es nicht anders ging, hieß es: abhauen, alles stehen und liegen lassen. Vater musste hinterher und wieder kleine Brötchen backen. Das kam leider sehr oft vor. Aber mit der Zeit wurde sie raffinierter. 

Das Motto auf der Todesanzeige lautete:

Als Gott sah, dass der Weg zu lang, der Hügel zu steil und das Atmen zu schwer wurde, legte er den Arm um sie und sprach: Komm heim.

(Kein Psalm, keine Bibelstelle, ein Fakespruch.)

Die Exequien werden begangen, Sankt Barbara, Trompeter Straße, Friedhof Locher Weg.



Ich hatte einen perfekt faulen Tag hinter mir. Ich tat nichts. Ich machte die Steuer nicht zu Ende, ich schrieb den Artikel nicht fertig. Ich ging einkaufen, ich saß im Kaffeehaus und las die Zeitungen, ich hörte Musik, als ich wieder zu Hause war, und las einen amerikanischen Roman, der in New York spielte. Ich las nur noch Romane, die in New York spielten. Ich war noch niemals in New York. Es war vielleicht so, dass mir die Romane die Reise dorthin ersetzten. Denn ich hatte überhaupt nicht vor, nach New York zu reisen. Jemals.

Ich erinnerte mich an den italienischen Badeort. Der Geruch nach Benzin in den Autobahnraststätten, den Tankstellen von AGIP. Der Geruch nach Melonen, nach aufgeschnittenen Wassermelonen, der Geruch nach Honigmelonen. Der Geruch eines frisch gebrauchten Handtuchs. Das Gefühl, in Badelatschen über Steinboden zu gehen, das Gefühl, Sand in die Kantine zu tragen. Die Jukebox mit Prince und Madonna und italienischen Schlagern. Die Spaghetti, die ein Hauptgericht waren für uns, und die wir mit Gabel und Löffel aßen, deutsche Banausen, die wir waren.

Abends traf ich mich mit einer Frau, mit der ich einmal geschlafen hatte. Nein, im Grunde hatte ich mehrmals mit der Frau geschlafen, es war lange her, und im Grunde war es tatsächlich nur dieses eine Mal gewesen. Wir waren nicht füreinander bestimmt gewesen. Ich hatte eine Rolle, die ich ausfüllen sollte, jedenfalls kam es mir so vor, die Rolle meines Großvaters, eines sich um die Dinge und die Frau kümmernden Manns. Aber diese Rolle behagte mir nicht. Ich glaube, dass der Freund der Frau, mit der ich vielleicht sechs- oder siebenmal geschlafen hatte, genau in diese Rolle passt, also passt er genau zu ihr, und sie ist glücklich, auch wenn sie manchmal an einen anderen Mann denkt, der aber ebenfalls nicht ich bin, ihre vergebene amour fou.



Ich kann die Bewunderung Friederike Mayröckers nicht nachvollziehen. Marcel Beyer ist nur sechs Jahre älter als ich, was mich sehr erschreckt, da er mir betriebsintern ganze Dekaden voraus zu sein scheint. Ich habe ihm und seinem Schaffen gegenüber Respekt. Aber die Bewunderung der Mayröcker, dieses Anklinken an ein Vorbild, an eine Wahlgroßtante in der Literatur, habe ich nie verstanden. Ich mochte "Das Menschenfleisch" und ich mochte "Flughunde", aber "Spione" war eine große Enttäuschung. Seine Gedichte, auch seine späten, mochte ich. Aber er tauchte, wie so viele vermeintliche Größen, die damals durch Köln spukten, für mich glücklicherweise wieder ab. Irgendwann las ich noch "Nonfiction", das mich positiv überraschte, aber "Kaltenburg" hat mich überhaupt nicht interessiert. Auch "Putins Briefkasten" nicht. Friederike Mayröcker ist im Alter meiner Oma und hat sie nunmehr überlebt. Marcel Beyer ist ein Professorensohn, so wie Nora Bossong eine Professorentochter ist. Sein Artikel über die Mayröcker, der Mittwoch in der FAZ stand, war gut, aber nicht perfekt. Es gab Fehler. Und alle Zitate aus dem Mayröckerschen Werk fand ich irrelevant bis grotesk.


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