Montag, 13. Juni 2016

Scharpie

Der Wind wollte nicht, dass ich weiter lese.
Die quälenden letzten hundert Seiten von "Unterwelt".

Kopulierende deutsche Truppen
Grünstichiges Wasser, als ob es sich tarnen wollte
Überwachungskameras wie an den Pfählen festgenagelte Vögel
Und ein ausrangierter Helm als Bodenlampe



Natürlich begann ich mich zu fragen, wie es sein würde, mit ihr zu schlafen. Ich stellte mir vor, wie es sein würde, in ihr zu kommen. Ich fragte mich, wie sie küssen würde, ob sie warm und süß küsste, ob und wie sie ihre Zunge einsetzen würde, eine kleine Zunge stellte ich mir vor, eine, die spitz zuläuft, oder eine formschöne runde Zunge, und ob es schön wäre, sie zu küssen. Das würde den Unterschied ausmachen, dachte ich. Ob es schön wäre. Darauf käme es an. Ich wusste, dass ihre Brüste klein waren, und dass sie einen stampfigen Gang hatte, eine Art, stampfend aufzutreten, etwas, das überhaupt nicht tänzerisch war, obwohl das ihr Mädchentraum gewesen war: zu tanzen. Ich fragte mich, ob das der Grund gewesen ist, warum sie keine Tänzerin geworden war, sondern eine Bearbeiterin fremder Muskelmasse. Eine lebende Relaxanzhilfe. Eine Handarbeiterin. Es fehlte das Tänzerische, und eines Tages hatte das jemand gesehen und erkannt und ihr schonungslos beigebracht, tut mir leid, aber ich sehe nicht, dass du hier eine Zukunft hast, eine Zukunft als Tänzerin, von deiner Herkunft mal ganz abgesehen, die ja auch nicht gerade günstig ist, einmal Arbeiterklasse, immer Arbeiterklasse. Darauf käme es an, dachte ich, so verliebt man sich in jemanden, der einem nicht unbedingt perfekt erschien, deren Fehler man aber mitnehmen würde, wenn es schön wäre, sie zu küssen.


Ich fuhr mit Lisa an den See. Oder soll ich sagen, Lisa fuhr mit mir? Sie hatte einen Wagen, einen roten Audi mit ausklappbarem Verdeck und bayerischem Kennzeichen; ein nach Design riechendes Firmenfahrzeug, freundliche Leihgabe des Chefs, einem in die Jahre gekommenen Verleger, von dem sie Sonntagmorgens auch gern einmal ins Haus zitiert wurde, um ganz persönlich berufliche Aufträge entgegenzunehmen. Aber es war Samstag, und Lisa fuhr mit mir an den See, nach Buckow, zum Schermützelsee. Als wir losfuhren war bereits Nachmittag. Ich hatte noch einen Bericht schreiben müssen, einen Bericht über die Beerdigung eines ranghohen Politikers, die am Vortag stattgefunden hatte, während sie zu einem Brunch eingeladen war, einem Brunch mit Freunden. Jetzt düsten wir durch einen ergrauenden Dezembertag, Lisa hatte melancholische Musik in den CD-Spieler gespeist, die Kings of Convenience, wir wollten das Brecht-Weigel-Haus besichtigen und um den See herumspazieren, einen Ausflug machen, um festzustellen, ob wir als Paar taugten, ob wir es schafften, außerhalb der Stadt Liebe zu machen, und dafür suchten wir ein Hotel.

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