Samstag, 25. Juni 2016

Humpfelig

Es lag kein Missbrauch vor.
Die Absolution erteile ich mir selbst.
Ich bin frei. Ich kann jetzt gehen.

Aujourd'hui, grandmère est morte. Es ist ein wenig wie damals, als John Lennon vom Tod Elvis Presleys erfuhr. Eine SMS, ein Anruf, sparsame Kommunikation über ein paar Ecken. Ich habe sie bestimmt elf Jahre nicht gesehen. Ich weiß noch, wie ich versucht habe, sie anzurufen, Weihnachten 2006 oder 2007. Sie nahm einfach nicht mehr ab.

Es ist schwierig mit den Verbindungen, und es steht eine ganze Menge auf dem Spiel.



Alea kam aus dem Norden, aus einer nordischen Küstenstadt. Man sah es ihr nicht an, man hörte es auch nicht. Ihre holzbraunen Augen leuchteten, worüber ich mich sehr wunderte. Können holzbraune Augen leuchten? Meine eigenen waren grau. Eisgrau. Über diese Augen wunderte sich Alea.

Sie war mit ihrer Mutter aufgewachsen, ihr Vater war früh verschwunden, sie wusste nicht, ob er noch lebte. Angeblich hatte er eine andere Frau kennen gelernt, als sie drei war, und war dann verschwunden. Die Aussagen ihrer Mutter unterschieden sich je nach Stimmung. Mal war der Vater ein unersetzlicher Verlust, die große Liebe, die sie niemals hätte gehen lassen dürfen, mal war er ein Idiot, ein Schürzenjäger, eine untreue Seele, die sie fallen gelassen, verraten, gedemütigt hatte, und er könne von ihr aus krepiert sein, egal wo. Es gab Fotos von ihm, Bilder, auf denen ein graugesichtiger Mann vor unfertigen Häusern stand, auf Baustellen, mit Mützen oder Helmen auf dem Kopf, ein Architekt. Es gab kleine Filme, in denen er über Projekte redete oder lachte, tanzte und feierte. In einem kleinen Film saßen er und ihre Mutter, die noch sehr jung war in diesem Film, auf einer Parkbank im Zentrum einer südlichen Stadt und küssten sich, der Film sei irgendwann namenlos aufgetaucht, hatte die Mutter erzählt, sie haben nicht gewusst, dass sie da gerade gefilmt worden seien.


Alea hatte kalte Hände. Mit diesen kalten Händen fasste sie mich an. Aber ich mochte nicht angefasst werden, wenn es nicht um Sex ging. Und jetzt konnte es nicht um Sex gehen. Ich stand auf und rief D. an. Manchmal hat sie den Charme einer Putzfrau, dachte ich, während ich sie aus drei Metern Entfernung musterte und gleichzeitig mit D. redete. Sie war durch die Betten der Stadt gewandert, das wusste ich. Eine fleißige Ministeriumsmitarbeiterin, die nichts anbrennen ließ. Wir hatten uns auf einem Empfang kennen gelernt. Sie war in den Raum gekommen, einem weißen Foyer mit hohen Fenstern, und hatte mich im Vorübergehen angelächelt, mit einem nicht unbedingt offensiven, aber offenen Lächeln, einem freien Lächeln, wie ich es von den Kolleginnen nicht kannte, sie musste neu sein. Neu in der Stadt. Mit diesem außerstädtischen Lächeln. Und dann hatte sie sich auf einen der Stühle gesetzt, und es kam ausgerechnet Th. herein, der sie begrüßte. Zwei Wangenküsse. Vergeblichkeit und Hoffnung in ein und demselben Moment. Vergeblichkeit, weil es schien, dass sie schon vergeben war, ausgerechnet an Th. Hoffnung, weil es bedeutete, dass sie bald frei sein würde, denn mit Th. hielt nichts lange, außerdem gab es da jetzt eine Verbindung, auf die aufzubauen war.

Die Augenfarbe ihres Vaters war grün. Ein bestechendes, giftiges Grün. Das Braun hatte sie offensichtlich von ihrer Mutter geerbt, aber die Tests waren nicht sicher. Es machte ihr nichts, sie hatte nie besonders auf Augenfarben geachtet. Aber dieses graue Schimmern, dieses flächige Grau, plan wie eine alte Straße, frisch wie Zement, das beschäftigte sie. Weil es so ein undurchsichtiges Grau war, vielleicht.


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