Sonntag, 5. Juni 2016

Gefühlschroniken

Niemand schreibt noch Stellenanzeigen. Niemand schreibt noch Heiratsannoncen wie: Du hast gestern in der U7 nach Schöneberg gesessen und mich keines Blickes gewürdigt, bitte schreibe mir unter Chiffre

Sie bezeichnet Fischstäbchen als "Horstessen"
Alles muss fein raus
Modena, Angstraum, Rosetta-Sonde

"Leute, die gerade erst angekommen sind, verkaufen an Leute, die auch gerade erst angekommen sind."


Vor zwei Jahren lief eine Dokumentation über Ingo Schulze im RBB, wer ist Ingo Schulze, ein netter, pummeliger Herr, dessen Wohnung und Büro aussieht, als ob er Werbegrafiker wäre, scheint jedenfalls viel Geld zu produzieren, hat zwei Töchter mit einer ihn unterstützenden Rothaarigen, vielleicht lag es auch auch nicht an ihm, denn er sagte zwar nicht ungewöhnliche, aber zumindest keine dumme Sachen, vielleicht lag es auch nicht an diesem Setting, Wohnung, Büro, alles geordnet, sauber, vorzeigbar, dann die Frauen im Verlag, die alles total gut fanden, was da an Essays von diesem Vorzeige-Nachwende-Ossi so geliefert wurde, vielleicht lag es nicht an den Szenen, Schriftsteller im Zug, fährt zurück zum Ursprung, zum ursprünglichen Bild, von dem er eigentlich kommt, trifft dort alte Weggefährten, die im Grunde dieselbe trottelhafte Körperhaltung beibehalten haben, die man in Dokumentaraufnahmen von damals sieht, alle hängen irgendwie durch, sind aber von einer naiven Hoffnung beseelt (und schreien dementsprechend "Freiheit" in die Luft, bis sie freudestrahlend irgendeine Westkamera entdecken), ja, richtig, es gab einmal eine Zeitung in irgendeinem ostdeutschen Kaff, die die erste freie Zeitung in der DDR war, also in diesem Interregnum nach der SED und vor der Währungsunion, vielleicht lag es nicht an ihm, dass ich dachte, der schreibt bestimmt auch so langweilig wie er zu sein scheint, vielleicht lag es auch an der einschläfernden Doku selbst, dass ich dann wegschalten musste.

Verlassen werden, fernsehen. In den Bildschirm klettern, in den Kulissen verschwinden. Eine Fahrt in die Wüste unternehmen, um den stillsten Ort der Erde aufzusuchen. Nur um dort das Knirschklavier nur noch deutlicher zu hören. Den Hörnerv abtrennen. Um nichts anderes mehr zu hören außer dem Knirschklavier. Ignorieren ist das einzige, was hilft, sagen die Kollegen, und sagt meist auch das Netz, obwohl es doch möglich sein müsste, einen zerstörten Nerv wiederaufzubauen oder dem Ohr einen reziproken, gegenteiligen Sound vorzuspielen, um das Ohrgeräusch aufzuheben. Vielleicht selbst Musik machen. Ein Eisklavierkonzert in F-Moll. Martin stand auf, um sich etwas aus der Küche zu holen, ein leerer Blick in den Kühlschrank, ein Blick über den Kühlschrank hinaus. An der Küchenwand hingen Fotos, sie hingen noch nicht lange da, Farbfotos von blauen Flecken, die sich jemand beim Rad- oder Skifahren zugezogen haben musste. Entgeistert starrte Martin auf die Fotos. Drei Fotos, hochgezogene Abzüge, ungerahmt, und ein fotorealistisches Bild eines der drei Motive. Fotos von den blauen Flecken einer Sportlerin. Oberschenkelhaut in Großaufnahme, einmal Innenseite, zweimal Außenseite, Martin erkannte vielleicht nicht die blauen Flecken, aber doch die Haut, die Muttermale wieder. Ein Fotoprojekt: Abzüge von Haut, die Haut von Sportlern, es hatte eine Ausstellung mit Narben gegeben, zu der sie gegangen war, auf der sie den Künstler kennen gelernt hatte. Verlassen werden, schlafen, Bilder sehen. Martin schaffte es, sich von den Bildern zu lösen. Er kehrte zurück, offener Durchgang von der Küche aus, schwerfällige Möbel standen im Weg, der Baum im Fenster wackelte ein wenig, in den Ästen hingen Kabel.


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