Donnerstag, 23. Juni 2016

Der goldene Juni

"Er stellte sich die Welt der Sprache (die Logosphäre) als einen riesigen, permanenten Konflikt von Paranoias vor. Nur diejenigen Systeme (...) überleben, die erfinderisch genug sind, eine letzte Figur hervorzubringen, eine Figur, die den Gegner mit einer halb-wissenschaftlichen, halb-ethischen Vokabel kennzeichnet, eine Art Drehscheibe, die es gleichzeitig ermöglicht, den Feind festzustellen, zu erklären, zu verurteilen, zu bespucken, zu vereinnahmen, mit einem Wort: ihn zahlen zu lassen. Das gilt unter anderem für einige Vulgatae: für das marxistische Reden, bei dem jeder Einwand ein Klasseneinwand ist; für das psychoanalytische Reden, bei dem jede Verleugnung ein Geständnis ist; für das christliche Reden, bei dem jede Ablehnung eine Suche ist, usw. Er wunderte sich, daß die Sprache der kapitalistischen Macht auf den ersten Blick nicht eine solche Systemfigur enthält (...); da begriff er, daß der Druck der kapitalistischen Sprache (...) nicht paranoischer, systematischer, argumentativer, strukturierter Art ist: es ist eine unaufhaltsame Vergiftung, eine doxa, eine Art Unbewußtes: kurz die Ideologie schlechthin."
Roland Barthes, "Die Lust am Text"




Der Blog von Wolfgang Herrndorf: unerreichbar. Man will etwas zu Stalking und Paranoia lesen, bitte: Kapitel 37. In Kapitel 36 unten feiert er Karen Duves Roman "Dies ist kein Liebeslied" ab. Was mich überrascht: Das Buch war das dritte, das ich gelesen habe, nachdem sich E. von mir getrennt hat. Das erste war "High Fidelity" von Nick Hornby, das ich zum zweiten Mal las, das zweite das "Soloalbum" von Benjamin von Stuckrad-Barre. "Dies ist kein Liebeslied" passte in die Reihe, aber hängen blieb leider nicht viel. Ich hätte mich womöglich auch nie wieder an dieses Buch erinnert, da ich es selbst nicht besitze. Danach habe ich "Die toten Männer", "Die gnadenlose Liebe" und Gedichte von Raphael Urweider gelesen. Was ist aus dem eigentlich geworden? Schreibt er jetzt Zürichkrimis?

You sit there, you look at me
I just smile, I just die
Dance and die
Dance and die


Als meine Eltern sich scheiden ließen, war ich 23. 23 war meine Glückszahl. Die Scheidung meiner Eltern aber war kein Glück, auch kein verspätetes (ich hatte mir in der Jugend oft gewünscht, dass sie sich scheiden ließen – damit die Macht, die sie über mich hatten, sich endlich teile). Im Gegenteil, sie bedeutete das Ende von allem. Das Ende der Kleinfamilie, das Ende der Provinz, das Ende der Religion, das Ende des Glaubens an die romantische Liebe. Da mich meine erste Freundin ebenso verlassen hat wie meine Mutter, und da beides nicht zum ersten Mal geschah, gab ich mich fortan gewarnt. Liebesbeziehungen halten nicht, sind temporär, vielleicht sogar an sich unnütz. Dass die Frau, mit der ich gerade zusammen war, meine zweite Freundin, mich wirklich liebte, und mich nicht so schnell und ohne Weiteres verlassen hätte, sah ich nicht. Ich ging vom Gegenteil aus.

Ich war voller Spinnweben, ich konnte Schritte hören, ich konnte die Schritte nachvollziehen, ich spürte jeden dieser Schritte, die ich machte, im Kopf. Ein Himmelskomiker im Lügentempel. Das Bild eines Dachstuhls, auf dem man sich eine Schlinge um den Hals legt. Du und Dein kleines Königreich, ihr werdet untergehen. Ich erinnerte mich an den Widerstand. Ich verstand ihn immer noch.


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