Freitag, 13. Mai 2016

Insulte

Geträumt, dass Angela Merkel "aufgrund der Sicherheitslage" über Nacht abgesetzt wurde. Meine Eltern nahmen sie auf. Sie hatte einen Chaffeur oder einen Minister dabei. Ich beäugte sie. Es ging auch darum, was wir ihr anbieten können. Und ob das auch gut genug für sie ist.

Später auf einer Klassenfahrt. Es findet ein Fußballspiel statt. Wir sind zu viele, ich sitze auf der Auswechselbank. Ich bin wohl nicht gut genug für die Startelf. Wir haben einen 2:6-Rückstand, und ich dränge darauf, eingewechselt zu werden. (Das nächste Spiel findet erst in einer Woche statt - ich möchte nicht noch eine Woche warten!) Der vor mir zur Einwechslung bereit stehende Spieler ist allerdings ein Schrank. Hast du schon gespielt?, frage ich. Ja, sagt er. Ich will jetzt auch!, sage ich und wechsele mich selbst ein - oder auch nicht, denn der Schrank sorgt dafür, dass das Spiel noch gedreht wird: Mit dem Schlusspfiff fällt der Ausgleich zum 6:6. Freude kommt aber irgendwie nicht auf.


Erst ist es der Herr links neben mir, der summt. Was es ist, kann ich nicht heraushören. Ansonsten ist er still und schaut ernst. Er trägt Glatze, so wie ich, eine Nickelbrille, er ist kleiner und geht ernst mit hängenden Schultern vor mir in die Pause. Während des Stücks rührt er sich kaum.

Später ist es die junge Frau links von mir, die summt. (Sie trägt eine Art Minnie-Maus-Outfit nur ohne Haarschleife und kreuzt die Beine an der Sitzlehne vor ihr.) Wieso summen alle? Das Stück selbst kommt eher unmusikalisch daher. Ein Ausgleich?

Ein Dokument des Scheiterns, eine Verantwortungsdiffusion.
Ein Atmobruch.

Auf Band (wie man heute auch nicht mehr sagen dürfte) klinge ich immer ein wenig, als ob ich bereits einen Schlaganfall hinter mir hätte.

Gehörlosentango.

Bedeutung, dachte ich und starrte auf die Bühne. Ich verstehe das nicht alles. Und vielleicht ist Bedeutung auch falsch. Auch ich wollte immer Bedeutung. Aber am Ende ist Bedeutung bloß hinderlich.

Clemens Meyer war da und sah aus wie Clemens Meyer. Redete sogar so. Die Brille, dieses schlimme Sächseln, diese Selbstdarstellung. Vielleicht kann man irgendwann auch nicht anders, ist man einmal ein bekannter Schriftsteller. Man wird in so eine fixe Selbstdarstellungspose hineingezwungen, man wird in eine Rolle fixiert, das gehört ja auch zum Job, zum Berufsbild dazu. Man muss schließlich etwas darstellen, zur Not eben sich selbst.

Auch Bundesfinanzminister Schäuble schaute sich das Theaterstück an. Ob die Sexszenen irgendwas mit ihm machten? Die ganzen angedeuteten Messerstechereien? Ob ihm die Rede des Genossen gefiel oder war das nur der Abklatsch von Arbeiterklassenromantik für ihn? Sprach ihn der überbordende Katholizismus der Inszenierung an, so als CDU-Menschen? Er nachdenkelte vor sich hin, so sah das aus, täuschte Verständnis vor, so könnte man sagen, am Ende klatschte er bereitwillig mit, aber längst nicht so enthusiasmiert wie die anderen.

Stück: Berlin Alexanderplatz, DT




Ein Sonntagsausflug. Linda dreht am Radio, Linda hört nichts. Linda hält die linke Hand am Lenker des VW Golfs, während die rechte nach ihrem Sender sucht. Im Sauerland liegt Schnee. Linda fängt eine Diskussion über die Radiomusik an, einen Streit über Radarfallen und Parkverbotsknöllchen, einen Streit über was sie mag und was sie nicht mag. Dünner Schnee auf den Straßen. Am Fahrtziel hält Linda an, steigt aus, nicht ohne ihre weiße Jacke überzuziehen, sie geht einen Hügel hinauf, in einen Wald hinein, verschwindet im Schnee. Eine weiße, hellblonde Frau, die im Schnee verschwindet. Luft wird eingeatmet, ein Schneeball geformt. Sieht sie sich in Gefahr? Denkt sie, es wäre alles zu viel verlangt? Durchatmen, die Dinge vergessen, Zweisamkeit in der Einöde suchen, darum geht es. Leere Äste, weißer Sand, atemlose Stille. Nach zwei, drei Stunden geht es zum Wagen zurück, es ist kalt, und es wird dunkel. Die Musik bleibt leise, es geht in die Stadt zurück, zurück in die warme Wohnung.




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