Freitag, 27. Mai 2016

Aus dem Einkaufsbahnhof

Ich dachte ein letztes Mal an den türkischen Roman, den ich am Fluss zu Ende gelesen hatte. Das Ende war etwas merkwürdig gewesen. Dilara, die junge Studentin der Politwissenschaft, hatte es in ihre Heimat geschafft, also nach Berlin, war sich aber dortselbst so fremd vorgekommen, dass sie sich nach ein paar Tagen zu Hause einschloss und nur noch für das Nötigste ihre Wohnung verließ. Internet, Telefon, Klingel: abgestellt. Ihre Familie spielte kaum eine Rolle, weder für sie, noch für den Roman, immerhin wurde erzählt, dass besonders ihre Mutter stets sehr besorgt um sie war. Sie hatte ihr nicht einmal das Radfahren beigebracht, da sie Angst hatte, sie könnte bei einem Sturz ihre Jungfräulichkeit verlieren.

Nach zehn Tagen begann Dilara, ihre Wohnung auszuräumen – ihre alten Möbel fand sie »erdrückend«. Als sie zum ersten Mal die Nacht in einem fast leeren Schlafzimmer verbrachte – Matratze, zwei Bücher, eine Leselampe, das war alles, was sie übrig gelassen hatte – träumte sie, dass sie beinahe von einem Tiger angefallen worden war, einem Tiger, der von seinem Herrchen frei laufen gelassen wurde. 

»Sie können doch nicht einfach Ihren Tiger so frei herumlaufen lassen!«, schimpfte sie im Traum. »Der tut nichts, der will nur spielen.«, kam zur Antwort. 

Danach hatte sie sich in einer Autobahnraststätte befunden, irgendwo in »Stán«, vielleicht in Bayern auf dem Weg nach Ungarn oder der Tschechischen Republik. Der Mann neben ihr, der Tigerbändiger, ein junger Biodeutscher, fragte sie um Auskunft und strich ihr dabei über die Arme, was sie gewähren ließ; also strich er ihr auch über die Beine, über den Bauch, schließlich über die Brüste. Was wegen ihres knappen BHs aber nicht so funktionierte und dann auch ihren Protest hervorrief: Ich habe gerade einen Tiger gebändigt, sagte der Mann entschuldigend, das hätte ihn wohl mutig gemacht. 

Ein, zwei Tage später, Dilara hatte ihre alten Möbel auf dem Tempelhofer Feld verbrannt, was nicht ganz legal gewesen war, erkannte sie den Mann wieder. Er saß ihr in der U-Bahn gegenüber. Damit endete das Buch.




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Ich habe mich längst für Herangehensweise 15 entschieden

Weitere Fragen wehrt sie ab. "Das alles hat mit dem Schreiben wenig zu tun. Und ich trete mit meiner Arbeit an die Öffentlichkeit, nicht mit meinem Leben." Falsch, eben doch. Eben immer mit beidem.

Hier könnte einem die Handschrift bekannt vorkommen.
Und hier steht noch was Kleines zur Kunst.

Und gleich der nächste Text, das nächste Gedicht, ein frisches diesmal. Ähnlichkeiten mit dem echten Leben sind wie immer rein zufällig. (Beta-Version Nr. 1.)

Gesinnung Will Tear Us Apart


Ich war noch immer
mit Prinzessin Carolin zusammen

Sie sah putzig aus, wie sie
durch die elektronischen Alleen ging
die mit Absagen gesäumt waren

Wenn Routine zubeißt
bei niedriger Ambition

Am Hafen aß sie eine Dotterblume
Schiffschrauben hingen in der Luft
oder war ich selbst das Schiff

Sie hatte das falsche Hirn, das wusste ich
Ihre Panikattacken waren vorgetäuscht
Alles musste fein raus

Sie mochte keine Männer, sie mag Männer nicht
Die eine führt zur anderen
Aber ich musste sie lieben, weil

Der Himmel gab sich gescheckt
Ein Flugzeug ließ die Flügel hängen
Die Romantik war nur ausgedacht



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