Freitag, 9. Dezember 2016

Saalschutz

Speicher. Im Hintergrund die Berge und der giftgrüne Fluss. Keine Zäune im Maul, aber Spracherwerb generieren. Eine Körperhülle, die so schön ist, dass sie hässlich gemacht werden muss. Ich habe von Ameisen geträumt und weiß nicht, was das bedeutet. Ich kenne mich auch mit der analen Phase nicht so aus.


Ich gehe ins Theater. Am Theater mag ich den Geruch. Nicht den Staubgeruch von der Arbeitsbühne, sondern den süßlichen Geruch, der kurz vor der Vorstellung in der Luft liegt, da, wo das Publikum sitzt. Theaterduft, der Duft der Frauen, Parfüm, Duschgel, Puder, was auch immer es ist.
Und wenn die Saaltüren geschlossen werden, das ist, als ob ein Schiff ablegt, als ob es heißt: Leinen los!


Es war spät geworden, aber kaum kühler. Wir fuhren mit heruntergelassenen Fenstern zurück. Über uns strahlten die Straßenlaternen ihr erstes müdes Licht auf den Asphalt. Vor uns lag eine bräunlich schimmernde Landschaft, die an ihren Rändern das Meer berührte. Ich sah Alea von der Seite an und begann, von der Pressekonferenz zu erzählen. Davon, dass wir schon morgen womöglich gezwungen sein würden, die Insel zu verlassen. Alea nickte und sagte nichts. Was wäre deine nächste Station? fragte ich. Kehrst du nach Madrid zurück? Sie antwortete, das wisse sie noch nicht. Dann wieder Schweigen. Ich dachte an meine Heimat, an die Redaktion, an die Frau, die ich vor Jahren geheiratet hatte, und dass mir der Grund dafür schon lange entfallen war. Eine kinderlose, in Alltagskonflikten verlorene Ehe, die schon wesentlich länger währte als nötig. Eine Verbindung, die auf Erinnerungen und einem offiziellen Status basierte. Es war das erste Mal, dachte ich, dass mir eine Rückkehr derartig absurd erschien, und dass ich trotz aller Umstände – die Brände, die unklare Lage – lieber auf der Insel bleiben würde.



Sie schob sich eine Klammer ins Haar. Dann schaute sie mich an, ohne weiter zu sprechen, mit einem alles offen lassenden Blick, sie hatte eine zweite Klammer in der Hand, die sie sich in den Mund steckte, um auch diese Hand frei zu haben.

"Sind wir in der Zeit?" fragte sie dann.
"Hm? Was?"
"Sind wir noch in der Zeit?"
"Das weiß ich nicht."
Sie nahm die Klammer aus dem Mund, steckte sie an die dafür vorgesehene Stelle, zog die Lippen in den Mundraum zurück, um sie zu befeuchten.

Ein Spuk bildete sich. Ein feuchter, synästhetischer Spuk, der mit Lubrikation zu tun hatte, mit feuchtem Taumel, während sie redete, irgendetwas in einem dunklen Farbton, dem ich nur halb zuhören konnte, des stärker werdenden Winds wegen, wegen dem luftigen Lärm. Kurz war es, als ob sie in eine andere Sprache gewechselt wäre, zurück ins Spanische, ich staunte sie von der Seite an und musste mich konzentrieren, dann verstand ich: Sie redete von der Tourismusbehörde, für die sie arbeitete, und dabei ging es um den Tourismusminister, und dann wieder um die Engländerin, deren Name Silvia lautete, Mitarbeiterin im britischen Außenministerium, ich nickte nur, obwohl ich schockiert war. Im Wesentlichen konnte ich nicht anders, als ihr permanent auf den Mund zu starren, der dunkelrosa war, so geschwungen, so voll.

Ganz hinten am Firmament wurde der Himmel schwarz.